Zwischen Herzschmerz und Ehrlichkeit: Marius Stark und sein eigener Weg ins Soloprojekt

Foto: Kirsten Schaar

Einige werden sicherlich mitbekommen haben, dass Neurotox Gitarrist Marius Stark vor einiger Zeit seine erste Single „Ich wollte dir noch sagen“ herausgebracht hat. Sein Solo-Projekt ist erst am Anfang und wer aufmerksam zugehört hat, hat auch mitbekommen, dass es nicht der letzte Song war. Wir haben unsere Fühler ausgestreckt und wollten wissen, was uns in der nächsten Zeit noch alles erwartet. Wer Marius kennt, weiß, er ist keiner, der sich irgendein Image übergestülpt hat. Hier spricht jemand, der einfach gemacht hat.

Nach einer langen Beziehung, nach diesem Punkt, an dem es weh tut und gleichzeitig etwas Neues entstehen kann, hat Marius das ehrliche Songwriting als Ventil für sich entdeckt. Kein wildes Tamtam und ohne viel Chi Chi. Einfache Songs, die wehtun durften. Songs, die geholfen haben. Und Songs, die heute vielleicht genau deshalb so echt klingen. Sein Soloprojekt ist kein eng geschnürtes Korsett, sondern ein offenes Buch. Herzschmerz, verpackt mit einer gewissen Mischung aus Gefühl und poppiger Leichtigkeit, aber immer mit dem Anspruch, sich selbst treu zu bleiben. Und genau das hört man.

Zwischen Band und eigenen Wegen

VRR: Du gehst mit deinem Soloprojekt einen sehr persönlichen Weg, wie haben deine Jungs von Neurotox darauf reagiert, als sie die ersten Songs gehört haben?

Marius: Die Reaktionen sind positiv, was mir ehrlich gesagt auch viel bedeutet. Die Jungs kennen mich ja nicht erst seit gestern. Die wissen, wie viel Herzblut ich in Musik stecke und wie wichtig mir dieser Schritt ist. Klar ist das ein persönlicheres Ding als Neurotox, aber genau deshalb stehen sie da auch hinter mir. Wir haben zusammen so viel erlebt, so viele Höhen und Tiefen durchgestanden, da überleben wir so ein Soloprojekt auch gemeinsam. Da kommt nichts ins Wanken. Im Gegenteil, ich glaube das Verständnis füreinander wird eher noch größer. Am Ende sind wir nicht nur eine Band, sondern einfach Freunde und das trägt weiter als jedes Projekt.

VRR: Zwischen Bandgefüge und Soloprojekt liegen oft Welten. Verändert sich durch dein Projekt auch etwas in der Zusammenarbeit mit Neurotox oder bleibt das komplett getrennt?

Marius: Ich glaube, man macht es sich da schnell komplizierter als es ist. Für mich sind das einfach zwei verschiedene Räume, in denen ich mich bewege. Neurotox ist und bleibt mein Zuhause, mit allem, was wir zusammen aufgebaut haben. Das steht überhaupt nicht zur Diskussion. Das Soloprojekt ist eher so mein eigener Spielplatz, wo ich mich ein bisschen anders ausprobieren kann, ohne dass ich jemanden damit nerve oder wir anfangen uns im Proberaum darüber zu streiten, ob das jetzt noch Neurotox genug ist. Für mich ist es total befreiend einfach Texte schreiben zu können, ohne sie direkt in eine Schublade stecken zu müssen. Die dürfen erstmal einfach da sein und genau das fühlt sich richtig gut an. An der Zusammenarbeit ändert das eigentlich nichts. Wir funktionieren als Band genauso wie vorher, weil wir uns kennen und vertrauen. Und ich glaube, solange keiner plötzlich mit einem Panflöten Set auf die Neurotox Bühne will, sind wir da auf der sicheren Seite.

VRR: Der Schritt raus aus der Band und rein in ein eigenes Projekt passiert ja nicht einfach so. Was war der Moment oder das Gefühl, das dich dazu gebracht hat, dein eigenes Ding zu starten?

Marius: Der Gedanke war tatsächlich schon lange da. Ich habe den immer wieder mit mir herumgetragen, aber auch genauso oft wieder zur Seite geschoben. In den letzten zwei Jahren war das Thema schon präsenter, aber ich habe gemerkt, dass ich noch nicht so weit war, das wirklich nach außen zu tragen. Für mich musste sich das einfach richtig anfühlen. Ich musste erstmal Dinge für mich sortieren, verarbeiten und an einen Punkt kommen, an dem ich sagen kann: Jetzt zieht mich das nicht mehr runter, sondern gibt mir eher was zurück. Und genau dieser Punkt ist irgendwann gekommen. Dazu kam ganz praktisch auch, dass ich mir die Zeit nehmen wollte, mich gesanglich weiterzuentwickeln. Ich wollte nicht einfach irgendwas anfangen, sondern schon das Gefühl haben, dass ich dem auch gerecht werden kann. Im Nachhinein war es wahrscheinlich genau richtig, dass ich mir diese Zeit genommen habe. Jetzt fühlt es sich nicht mehr wie ein Versuch an, sondern wie ein Schritt, hinter dem ich wirklich stehen kann.

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VRR: Du wirkst selbst noch nicht ganz überzeugt davon, dich als klassischen Sänger zu bezeichnen, trotzdem gehst du jetzt deinen eigenen Weg. Was bedeutet dir dieses Soloprojekt aktuell?

Marius: Das bedeutet mir gerade echt viel, vielleicht sogar mehr als ich selbst gedacht hätte. Ich liebe es einfach kreativ zu arbeiten und mir hier etwas Eigenes aufzubauen. Wenn du mich vor zwei Jahren gefragt hättest, hätte ich dir wahrscheinlich den Vogel gezeigt. Ich habe ja erst vor ungefähr zwei Jahren überhaupt angefangen, mich ernsthaft mit dem Singen zu beschäftigen. Und deswegen fühlt es sich für mich immer noch ein bisschen komisch an, mich einfach hinzustellen und zu sagen: „Ich bin Sänger“. Dafür kenne ich zu viele Leute, die das seit Jahren auf einem krassen Level machen und wirklich jeden Tag daran arbeiten. Aber gleichzeitig merke ich auch, wie viel Spaß mir das macht und wie sehr mich das pusht. Ich habe richtig Bock da besser zu werden und meinen eigenen Weg zu finden, auch wenn der vielleicht nicht ganz klassisch ist. Und vielleicht sitze ich beim nächsten Interview hier, lehne mich entspannt zurück und sage ganz selbstverständlich: „Klar bin ich Sänger.“

Zwischen Loslassen und Neuanfang

VRR: Der Ursprung deiner Songs liegt in einer sehr intensiven Phase nach einer Trennung. Wie hat dich genau diese Zeit zum Schreiben gebracht?

Marius: Mir ging es in der Zeit wirklich nicht gut. Ich bin leider jemand, der solche Sachen nicht einfach abschüttelt, sondern eher dazu neigt, sich da komplett reinzudenken und elendig zu leiden. Ich habe dann gemerkt, dass ich irgendwas brauche, um damit umzugehen. Einfach nur ablenken funktioniert bei mir nicht lange. Also habe ich angefangen Dinge aufzuschreiben. Gedanken, Erinnerungen, auch Sachen, die ich an mir selbst nicht gut finde. Alles, was irgendwie da war. Das war so ein bisschen mein Weg, das Ganze zu sortieren und auch zu verstehen. Ich habe viel reflektiert und versucht, meinen eigenen Anteil zu sehen, ohne mich komplett dafür fertigzumachen. Irgendwann wurden aus diesen Notizen dann Texte. Und aus den Texten Songs. Im Nachhinein war das wahrscheinlich das Beste, was ich aus der Situation machen konnte. Es hat nicht alles leichter gemacht, aber es hat mir zumindest einen Umgang damit gegeben

VRR: Du beschreibst deine neuen Songs als die ehrlichsten, die du je gemacht hast. Was unterscheidet sie für dich so stark von deiner bisherigen Musik?

Marius: Ich glaube der größte Unterschied ist, dass ich hier nichts verstecke. Bei Neurotox schreibe ich auch sehr persönlich, aber da ist immer noch dieses Bandgefühl, diese gemeinsame Richtung, in die alles passen muss. Bei den neuen Songs gibt es das nicht. Da schreibe ich Sachen auf, die teilweise echt unbequem sind, auch mir selbst gegenüber. Dinge, die ich vermisse, Dinge, die ich falsch gemacht habe, Erinnerungen, die schön sind aber auch wehtun. Das ist kein Versuch perfekt dazustehen, sondern eher ein ehrlicher Blick auf die letzten Jahre. Beziehungen gehen zu Ende, Menschen machen Fehler, und selten ist nur einer alleine schuld. Genau dieses, spiegelt sich da auch wider. Vielleicht sind die Songs deshalb so ehrlich, weil ich diesmal nicht versucht habe stark zu wirken, sondern einfach nur echt zu sein. Und das fühlt sich für mich deutlich näher an dem an, was ich eigentlich sagen will.

VRR: In deinen Aussagen schwingt mit, dass dich manche Songs sogar verletzt haben. Wie nah gehst du beim Schreiben wirklich an dich selbst ran?

Marius: Die Songs sind komplett aus mir heraus entstanden. Da ist nichts erfunden oder irgendwie schöner gemacht, als es war. Und ja, es gab beim Schreiben definitiv Momente, die wehgetan haben. Sich wirklich ehrlich damit auseinanderzusetzen, was man verloren hat oder auch was man selbst vielleicht nicht gut gemacht hat, kostet Kraft. Es geht dabei um einen Menschen, der fast ein Jahrzehnt ein wichtiger Teil meines Lebens war. Das verschwindet nicht einfach. Sie sagte mal: „Leider reicht unsere Liebe alleine nicht mehr aus.“ Es hat lange gedauert, bis ich es verstanden habe und irgendwann habe ich einfach nur noch gehofft, dass es Sinn macht. Ich habe kein Problem damit, über meine Gefühle, meine Beziehungen oder meine eigenen Schwächen zu singen. Im Gegenteil, genau dafür mache ich das. Für mich ist das die ehrlichste Art, Musik zu machen. Und vielleicht ist das auch das, was dieses Projekt ausmacht. Mit jedem Song gebe ich ein Stück von mir preis. Das ist manchmal unangenehm, aber es fühlt sich richtig an. Und am Ende ist es genau das, was ich immer machen wollte.

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Foto: Frank Gronau

VRR: Du verpackst viel Herzschmerz, aber eben nicht nur klassisch traurig. Was war dir dabei besonders wichtig?

Marius: Ein trauriger Text bleibt traurig, klar. Aber wie man ihn verpackt, macht einen riesigen Unterschied. Du kannst ihn komplett runterziehen oder ihm trotzdem eine gewisse Leichtigkeit, vielleicht sogar Energie geben. Und genau das war mir bei den neuen Songs wichtig. Ich wollte den Herzschmerz nicht einfach nur schwer und dunkel machen, sondern so erzählen, dass er sich echter anfühlt. Dass da nicht nur das Kaputte ist, sondern auch Bewegung drinsteckt, Entwicklung, vielleicht sogar ein bisschen Hoffnung zwischen den Zeilen. Am Ende geht es ja nicht nur ums Leiden, sondern auch darum was man daraus macht. Und wenn ein Song es schafft etwas Schweres so zu transportieren, dass man es fühlen kann, ohne daran hängen zu bleiben, dann ist das für mich genau der Zugang, den ich gesucht habe.

VRR: Du betonst, dass du dich stilistisch überhaupt nicht festlegen willst. Ist das für dich Freiheit oder auch ein bewusster Gegenentwurf zur Szene?

Marius: Für mich ist das in erster Linie Freiheit. Im Soloprojekt habe ich die Möglichkeit, wirklich alles selbst in die Hand zu nehmen. Vom Schreiben über die Instrumente bis hin zu Artworks oder der ganzen Außendarstellung. Das ist manchmal ziemlich viel, aber genau das reizt mich daran. Ich will mich da bewusst nicht festlegen. Wenn ich morgen Lust habe, einen Song ganz anders anzugehen als heute, dann mache ich das einfach. Ohne zu überlegen, ob das jetzt irgendwo reinpasst oder Erwartungen erfüllt. Ob das am Ende ein Gegenentwurf zur Szene ist, weiß ich gar nicht so genau. Vielleicht ist es das automatisch ein Stück weit. Aber für mich geht es weniger darum, gegen etwas zu arbeiten, sondern eher darum, mir selbst den Raum zu geben alles auszuprobieren was sich richtig anfühlt.

VRR: Du hast schon angedeutet, dass noch viele Songs und vielleicht sogar ein Album kommen könnten. Wohin soll sich das Projekt in den nächsten Jahren entwickeln?

Marius: Ich habe in den letzten zwei Jahren extrem viel geschrieben. Wenn ich ehrlich bin, liegt da mittlerweile Material für mehrere Alben rum. Aber ich glaube, man muss sich auch ein bisschen bremsen und sortieren, was wirklich brauchbar ist und nicht direkt alles raushauen. Mein Plan ist erstmal, mich auf einzelne Releases zu konzentrieren. Songs nach und nach zu veröffentlichen, ihnen Raum zu geben und zu schauen was passiert. Und wenn sich das alles so entwickelt, wie ich mir das vorstelle, wird daraus auf jeden Fall auch ein Album entstehen. Für die nächsten Jahre wünsche ich mir eigentlich nur, dass ich genau das weiter machen kann. Schreiben, ausprobieren, besser werden und Schritt für Schritt schauen, wohin sich das entwickelt. Da ist noch viel offen, viel möglich und ich habe das Gefühl, das ist eigentlich erst der Anfang.

Mit seinem Soloprojekt zeigt Marius eine Seite von sich, die man so bisher kaum kannte: verletzlich, reflektiert und gleichzeitig voller kreativer Energie. Inmitten von Herzschmerz, Selbstreflexion und Neuanfang entstehen Songs, die nicht perfekt wirken sollen, sondern echt. Und genau das könnte am Ende die größte Stärke dieses Projekts sein. Wohin die Reise führt, weiß Marius selbst noch nicht so ganz, aber vielleicht liegt genau darin der Reiz. Wir danken ihm für seine offenen und ehrlichen Worte.

Redaktionell verantwortlich für diesen Artikel:

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Crew | Redaktion

Schon als kleiner Stöpsel bin ich mit deutscher Rockmusik groß geworden. Die Böhsen Onkelz waren selbst in der fünften Klasse schon Pflichtprogramm. Eine kurze Abschweifung in ein anderes Genre hat mich trotzdem wieder sehr schnell auf die richtige Bahn gebracht.

Kurze Zeit später fanden auch Musikrichtungen wie Punkrock, Metal oder Alternativrock ihren Weg zu mir. Ich bin offen für Neues aber meiner Linie werde ich auf ewig treu bleiben.

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