Ohne Schild und Streitaxt – Interview mit Tetzel – Teil 2
Im ersten Teil unseres Gesprächs ging es um ASENBLUT, das neue Album URGEWALT und die Geschichten hinter den neuen Songs. Dieses Mal legen wir Schild und Streitaxt beiseite und schauen auf den Menschen hinter der Kunstfigur. Tetzel spricht über Stärke und Verletzlichkeit, den Alltag zwischen Musik und Sport, Warhammer, Prioritäten und die manchmal unbequemen Wahrheiten der Musikbranche.
VRR: Sänger von ASENBLUT und All For Metal, Strongman, Moderator, Podcaster und bekennender Nerd. Das klingt weniger nach Lebenslauf und mehr nach einer überladenen Charakterauswahl in einem Rollenspiel. Welche dieser Seiten ist keine Rolle, sondern bildet den eigentlichen Kern von Tetzel?
Tetzel: Da fehlt ja noch einiges. Spaß beiseite, ich denke, es ist von allem ein bisschen bzw. das Gesamtbild steht für Tetzel. In dem wiederum auch ganz viel Tim steckt. Hinter dem Künstler und der Figur bin ich am Ende natürlich auch noch eine Privatperson. In den einzelnen Rollen kann ich verschiedene Aspekte meiner Persönlichkeit auf 11 drehen und immer etwas lauter, direkter und mehr sein als ich eigentlich bin oder sein will. Das gehört natürlich irgendwo dazu und ist am Ende etwas, was meine Authentizität ausmacht. Ich bin schon sehr dankbar dafür all diese Aspekte ausleben zu können. Auch wenn das Magic the Gathering spielen zu kurz kommt.

Zwischen Hantelbank und Bühne
VRR: Nach außen verkörperst du mit Namen wie „Halbgottschmied“ oder „Mountain of Power“ sehr bewusst Stärke, Körperlichkeit und eine beinahe überlebensgroße Kriegerfigur. Ist dieses Bild manchmal auch ein Gefängnis, weil die Menschen von dir erwarten, immer stark, laut und unerschütterlich zu sein? Und gibt es Seiten von dir, bei denen du Sorge hast, dass dein Publikum sie weniger bereitwillig akzeptieren würde?
Tetzel: Da all diese Aspekte ja selbst gewählt sind, wie auch der Weg damals in den Leistungssport und von dort jetzt zurück zum Fokus auf die Musik, sehe ich es ganz und gar nicht als Gefängnis an. Ganz im Gegenteil, es ist ein ganz freier Ausdruck meiner selbst. Wie eben schon gesagt, manchmal auf 11 gedreht aber immer das, was ich sein und tun möchte. Das Ganze in sich hat genug was aneckt, anstößt und nicht immer akzeptiert oder gefeiert wird. Was ich total verstehen kann. Nicht jeder möchte immer so direkt konfrontiert werden. Ein Typ wie eine Abrissbirne schafft sich nicht immer nur Freunde. Das ist okay für mich. Mein Selbstverständnis war nie Everybodys Darling zu sein. Lieber habe ich bedeutsame Verbindungen mit Menschen, die ich achten kann und die mich achten als unheimlich viele. Doch zum Glück werden es mehr und das fühlt sich natürlich gut an.
VRR: Du kennst den Strongman-Sport nicht nur vom Mikrofon, sondern hast selbst auf internationaler Ebene Wettkämpfe bestritten. Welche Niederlage, Verletzung oder persönliche Grenze hat dich langfristig stärker geprägt als irgendein Sieg oder Rekord?
Tetzel: Die Erkenntnis eben doch nur Top 0,5% statt 0,01% zu sein hat schon ganz schön geschmerzt. Man kann dann viel darüber philosophieren, ob es mit einem früheren Einstieg in den Sport noch für mehr gereicht hätte (meine erste Hantel habe ich mit 25 in der Hand gehabt), das ändert aber nichts. Als dann mit 36 die ersten größeren Verletzungen kamen, war relativ bald klar, dass es nur noch ein Spiel um zurückkommen wird und wenig um wirklich echte Leistungssprünge geht. Doch das Gute daran ist, dass der Fokus nun viel einfacher ist. Heute trainiere ich zwei bis dreimal die Woche. Früher vier bis sechsmal. Da ist natürlich mehr Zeit übrig, um sich auf die Musik zu konzentrieren und all die Aufgaben drumherum.
VRR: Bei ASENBLUT bist du der alleinige markante Frontmann, während du bei All For Metal inzwischen gemeinsam mit Amerigo ein sehr unterschiedliches Gesangsduo bildest. Musst du mental bewusst zwischen diesen beiden Tetzel-Versionen umschalten? Oder sind ASENBLUT und All For Metal einfach zwei verschiedene Verstärker derselben Persönlichkeit?
Tetzel: Zweiteres. Der All For Metal-Tetzel ist natürlich in dem, was er macht, weniger ernst. Nicht, weil die Kunst weniger ernstzunehmend ist, sondern weil das ganze Konzept eben eine augenzwinkernde Hommage an den klassischen Metal ist. Mit allen Klischees und allem, was dazu gehört. Beides fordert mich auf unterschiedliche Art heraus und sorgt für Abwechslung und ist auch sehr lehrreich für mich.
Nerdtum auf 11
VRR: Du versuchst mit schweren Deadlifts, Warhammer-Videos und der Kampagne „Tetzel for Warhammer“ sogar Henry Cavills Aufmerksamkeit zu bekommen. Welche Rolle würdest du in einer Warhammer-Verfilmung ernsthaft übernehmen wollen? Und welche Fraktion würde dich vermutlich schon beim Bewerbungsgespräch aus dem Raumschiff werfen?
Tetzel: Ich könnte mir wohl kaum etwas Cooleres vorstellen, als einen Space Wolf zu spielen oder sogar Leman Russ selbst. Ob es dafür an Fähigkeit und Talent reicht, wage ich selbst zu bezweifeln. Träumen darf man ja. Ich glaube Word Bearers würden mich direkt in den Warp werfen.

VRR: Der Podcast „Askeroth & Tetzel“ versteht sich als offener Denkraum, in dem Gespräche nicht zwangsläufig mit einer fertigen Antwort enden müssen. Gab es bisher ein Thema, bei dem du während oder nach der Aufnahme deine eigene Meinung noch einmal grundlegend überdenken musstest?
Tetzel: Grundlegend vielleicht nicht aber natürlich kommen immer wieder Punkte und Argumente von Askeroth, die dafür sorgen, dass ich meine eigene Position überdenke. Auch von unseren Zuhörern kommen interessante Fragen und Meinungen zu den Themen. Es sind aber eher Details und keine kompletten Sinneswandel. Vielleicht kommt das noch.
VRR: Zwei Bands, Training, Moderation, Podcast, Social Media und ein normales Privatleben müssen irgendwie in dieselbe Woche passen. Was ist der Teil deines Lebens, den du inzwischen kompromisslos schützt und was fliegt als Erstes aus dem Kalender, sobald alles zu viel wird?
Tetzel: Prioritäten zu sortieren ist immer wieder eine große Herausforderung. Natürlich stehen die Teile des Lebens vorne, die eben dieses ermöglichen. Man muss ja seinen Lebensunterhalt verdienen. Allerdings habe ich schmerzhaft lernen müssen, dass man die Menschen, die einem den Rücken freihalten nicht vernachlässigen darf und daher sind bestimmte Termine, Urlaube und Aktivitäten mit meiner Partnerin dann auch absolut fest im Kalender verankert. In letzter Zeit musste der Sport immer mal wieder weichen, gerade jetzt in Vorbereitung auf das Album wurde es an manchen Tagen einfach zu viel. Der heutige Arbeitstag hat inzwischen auch schon 10 Stunden, exklusive des Trainings. Das gehört einfach dazu, aber man muss schon darauf achten, was der Körper und die Laune dazu sagen.
VRR: Du kennst sowohl die Metalbranche als auch den Kraftsport von der Bühne, hinter den Kulissen und teilweise sogar vom Moderatorenplatz aus. Welche weitverbreitete Lüge oder Heuchelei in diesen Welten nervt dich am meisten? Und bei welchem Thema denkst du dir regelmäßig, wenn die Leute wüssten, wie es wirklich läuft?
Tetzel: Speziell in der Musikindustrie ist eine der traurigsten Wahrheiten, dass Talent und Qualität nahezu keine Rolle für den Erfolg spielen. Zumindest nicht so, wie man denkt. Gute Songs zu schreiben ist wie gute Noten in der Schule. Es ist schön, aber davon kannst du dir nichts kaufen. Es ist vielmehr die absolute Basis, um überhaupt anzufangen und eine Chance zu haben Gehör zu finden. Allerdings schlägt der durchschnittliche Musiker, der häufigen Output hat, Social Media ordentlich betreibt, Shows spielt und in der Szene präsent ist, an jedem Tag den unglaublich talentierten Musiker, der eben nur Musik macht. Das überträgt sich etwas auf den Sport. Fleiß bringt dir am Ende keine Punkte. Du kannst zehnmal so hart und regelmäßig trainieren wie der nächste. Hat der mehr Talent, bessere genetische Prädisposition, bessere Hebel, stärkere Knochen oder was auch immer, hebt, beugt, drückt er eben trotzdem mehr. Diese scheinbaren oder tatsächlich unfairen Fakten muss man akzeptieren. Sonst ist das Unglück vorprogrammiert.
Vielen Dank für diese interessanten Fragen. Ich hoffe, meine Antworten haben euch unterhalten und gefallen und natürlich hoffe ich, ihr liebt URGEWALT so sehr wie wir. Man sieht sich live.
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Crew | Fotograf
Mein musikalischer Weg hat viele Abzweigungen. Von Mittelalter über diverse Subgenres des Metals, bis hin über die Tiefen des Rocks. Geprägt von den Onkelz, In Extremo und Rammstein führt heute kein Weg mehr an In Flames, Parkway Drive und Machine Head vorbei.





