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Hört endlich auf zu sagen „die Deutschrock-Szene stirbt“!

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In der Redaktion diskutierten wir wild über ein neu veröffentlichtes Album. Es wurden Konzertbilder von vor acht Jahren ausgetauscht und Sätze fielen wie: „Da konnte man sich die Musik noch anhören!“ In der Zwischenzeit fragte ich mich, wann wir mittzwanzigjährigen Küken im Alter von „früher war alles besser“ angekommen waren?

Zugegeben, der Stil der Band, über die wir sprachen, hat sich verändert. Ja, vielleicht nennt der ein oder andere den Musikstil nicht mehr Deutschrock sondern Popmusik. Aber wo ist das Problem? Nur weil eine einzelne Band nicht mehr die Musik macht, die wir von ihr erwarten, heißt es nicht, dass die Szene stirbt. Mit Blick auf die vielen Bands, die ich dieses Jahr für mich entdeckt habe, gibt es mehr als ausreichend Nachwuchs. Ein wacher Blick und ein offenes Ohr reicht, um das Gegenteil eines Szene-Sterbens festzustellen. Der Hauptact zur Primetime auf der großen Bühne ist nicht immer die musikalische Perle eines Festivals. Manchmal findet man sein wirkliches Highlight als Opener auf der Nebenbühne.

Beim Blick in die Kommentarspalte des kürzlich veröffentlichten Beitrags „Was ist aus den Frei.Wild-Publikum geworden?“ kamen meine Stirnfalten aus dem Runzeln nicht mehr heraus. Als sich ein Kommentator über die unangemessene Fußbekleidung von jüngeren Damen ärgerte, musste ich mich schwer zurücknehmen. Neben meiner Leidenschaft zu Rockmusik bin ich begeisterte Sammlerin und Trägerin von Highheels. Also, seit wann wird der Grad des „Fan-seins“ an dem gemessen, worin man seine Füße steckt? Sind neuerdings die Mädels in hochhackigen Schuhen ein Problem für die Szene, oder doch die Leute, die meinen, andere danach beurteilen zu müssen?

Ob sich das Publikum verändert hat? Vielleicht, aber erinnert ihr euch an euer allererstes Konzert? Ich für meinen Teil stand für den Außenstehenden vermutlich ziemlich teilnahmslos in der Ecke. Nicht etwa, weil ich den Text nicht konnte oder mir irgendetwas nicht gefallen hat. Nein, ich, 13 und nur ein abgebrochener Meter war schlichtweg überwältigt in einer riesigen Halle vor den Ärzten zu stehen und wusste nicht, wohin mit den Eindrücken. Schon mal daran gedacht, dass die Jungfans, der Nachwuchs der Szene, einfach genau so empfinden? Abgesehen davon, gibt es Menschen, die nicht das Bedürfnis haben, ihre Extremitäten durch die Gegend zu schleudern. Ja, es gibt stille Beobachter und die haben trotzdem Spaß auf Konzerten. Aus der Distanz betrachtet, wundern wir uns über manches Verhalten. Doch anstatt belehrend den Zeigefinger nach oben zu heben, könnte man auch einfach sein Bierchen trinken und das Geschehen beobachten.

Mit Blick auf Konzerte und Festivals sehe ich anstatt eines Szene-Sterbens eher das übliche „kommen und gehen“. So wie sich der Musikstil von Bands verändert, verändern auch wir uns. Wir wenden uns ab von Musik, die nicht mehr unserem Geschmack entspricht und machen Platz für Fans, die genau auf die Änderung des Stils gewartet haben. Wir können uns über die Entwicklung ärgern, oder die alten Alben genau so feiern wie am Tag des Releases. Die „guten alten Platten“ kann uns niemand mehr wegnehmen und sie bleiben uns erhalten, genau so wie die Erinnerungen an eskalierte Konzertnächte. Wenn euch die neuen Nummern einer Band nicht gefallen, kauft sie nicht. Geht nicht zu Konzerten, von denen ihr von vornherein wisst, dass ihr dort keinen Spaß habt und lasst die Leute dort auf ihre Weise die Musik zelebrieren.

Der Satz „früher war alles besser“ ist vermutlich so alt wie die Menschheitsgeschichte. Nimmt man diesen Satz ernst, wäre die logische Konsequenz daraus, dass wir bereits jetzt eine finstere Zukunft für Rockmusik prophezeien. Wären wir dann nicht schon heute in der Pflicht dafür zu sorgen, dass das nicht passiert? So lässt nicht etwa eine Entwicklung unserer bis dato heißgeliebten Band die Szene sterben, sondern Menschen, die engstirnig und intolerant gegen alles wettern, was ihnen nicht in den Kram passt. Wir sind in der Pflicht, denn war und ist dieses besondere Gemeinschaftsgefühl nicht einer der Hauptgründe für Deutschrock?

Lisa Berg
Lisa Berg
Über mich: Ich, 25 Jahre alt, habe Punk-, Deutschrock und Metal quasi mit der Muttermilch aufgenommen. Frühzeitig von meinen Schwestern mit "Die Toten Hosen" beschallt, hat mich das Fieber endgültig auf meinem ersten "Die Ärzte" Konzert 2007 erwischt. Heute findet man mich meistens lauthals mitsingend in der ersten Reihe auf diversen Konzerten und Festivals. Im Gegensatz dazu verdiene ich ganz seriös meine Brötchen als Grafikerin für den Printbereich. Mein Motto? "Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik"
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