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„Dort angekommen wunderten wir uns doch sehr über die vielen Fahrzeuge auf dem Parkplatz, erst recht über die zahlreichen jungen Menschen dort; die meisten schwarz gekleidet und mit mindestens einem Piercing im Gesicht.“, schrieb Charla Jones vom Blog luft1kuss.com über „Rock uffm Köppche 2018“. Schmunzelnd darüber stellte ich mir erstmals ernsthaft die Frage, ob unser Aussehen bei Fremden tatsächlich einen irritierenden Eindruck hinterlassen könnte. Wirken wir im Kollektiv etwa uniformiert oder gar wie eine Sekte?

Dass sich der Kleidungsstil des gemeinen Rockfans eklatant von dem des Radiokonsumenten unterscheiden könnte, war bisher kein Grund einen Gedanken daran zu verschwenden. Umgeben von Menschen, denen egal ist, was ich trage und gerade auf Festivals und Konzerten wo sowieso alles erlaubt ist und man für die schrägste Kostümierung auch noch gefeiert wird. Wie selbstverständlich habe ich angenommen, dass ein jeder Kleiderschrank prall gefüllt mit schwarzen Sachen ist. Doch weit gefehlt – während ich mit Freunden im Biergarten saß, wurde es mir endgültig bewusst. Beim Betrachten der Leute um mich herum, stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass keiner der ca. 50 Gäste derart dunkel gekleidet war, wie wir an unserem Tisch. Obwohl die anderen farbige Klamotten trugen, waren wir es, die auffielen wie bunte Hunde.

Ein inoffizieller Dresscode?

Erst kürzlich beim Gespräch mit einem neuen Arbeitskollegen musste ich stutzen. Nachdem wir auf das Thema Musikgeschmack kamen und ich ihn ausschweifend über meine Lieblingsbands aufklärte, fiel von ihm ganz beiläufig der Nebensatz „…habe ich mir schon gedacht, dass du sowas hörst…“. Aber warum? Gibt es einen inoffiziellen Dresscode oder bedeutet gleicher Musikgeschmack gleichzeitig ähnlicher Kleidungsstil? Gerade Rock- und Metalfans legen doch besonderen Wert auf Individualität, egal ob durch Piercings, Tattoos, Frisuren oder Klamotten. Scheinbar ist für den Außenstehenden aber genau dadurch ein Muster erkennbar, das uns meist direkt in eine klischeetriefende Schublade einsortiert.

Doch was hat mich bei dem neuen Kollegen enttarnt? Die von der letzten Festivalsaison gezeichneten Chucks, der 2mm zu dicke Kajal um meine Augen oder die Snakebites, die ich mir hab stechen lassen, um mit Brille nicht wie die Tippse in einem Großraumbüro auszusehen? Um zu ergründen, welche Merkmale genau unseren Musikgeschmack verraten, musste ich nicht lange recherchieren. Wikipedia gibt uns zu jedem Genre eine Anleitung, wie der klassische Fan auszusehen hat. Lange Haare, einschlägiges Fanshirt und Kutte – eindeutig Metalhead. Lederjacke, bunt gefärbter Iro, Nietenarmbänder und karierte Hose – definitiv Punk.

Mit aktuellen Bildern der letzten Festivals vorm geistigen Auge, durchforste ich Google danach, wie sich der Kleidungsstil in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Anders als in Fashionmagazinen propagiert, gibt es hier aber keine jährlich wechselnden, saisonabhängigen Kollektionen. Während Teenies in der Schule für Klamotten von vergangenen Modetrends gemobbt werden, zieht ein 10 Jahre altes Wackenshirt in der Szene keine Stirnrunzler auf sich, sondern wird zum zeitlosen Klassiker im Kleiderschrank.

Der Wiedererkennungswert

Bewusst oder vielleicht auch unbewusst tragen wir diese szenentypischen Kleidungsstücke. Automatisch fühlen wir uns zugehörig und manchmal erkennt man so sein Gegenüber schon an einem kleinen Detail. Ich erwische mich selbst auf Veranstaltungen, die nicht einschlägig etwas mit der Musik zu tun haben, die ich höre, wie ich unterbewusst Leute nach geläufigen Merkmalen scanne. Schuhe, Tattoos, Shirt und Accessoires werden auf bekannte Symbole geprüft, um einen potenziellen Gesprächspartner zu finden, der meine Interessen teilt. Hat man nicht gerade einen Hipster erwischt, dessen irreführenden Signalen man auf den Leim gegangen ist, funktioniert das hervorragend.

Doch diese Erkennungsmerkmale haben nicht nur positive Seiten. Problematisch wird es, wenn Kleidungsstücke fehlinterpretiert werden. Man wegen der falschen Farbe von Schnürsenkeln in die rechte Ecke gedrängt wird oder für ein „unangemessenes“ Fanshirt Hausverbot in Kneipen, wenn nicht gar eine gescheppert bekommt. Der künftige Arbeitgeber die Kompetenz in Frage stellt, ob man aufgrund seines Aussehens geeignet für einen Job mit Kundenkontakt ist, oder das Schlimmste – man sein Lieblingsshirt nicht findet, weil es genauso wie die anderen 50 Stück schwarz ist. Richtig belastend!

Blümchenleggins und Birkenstocksandalen

Mit schweifendem Blick durch die Fußgängerzone muss ich dennoch feststellen, dass ich mich lieber aufgrund meines Outfits abstempeln lasse, als mir das Elend dieser ständig wechselnden Modetrends anzutun. Ich weigere mich, meine Schenkel unvorteilhaft in viel zu enge Hosen zu quetschen, die mir über den Bauchnabel gehen und dafür an den Knöcheln eindeutig zu kurz sind. Ich bin dankbar dafür, dass sich in unserer Musikszene kein Size Zero durchgesetzt hat und ich mein Bier ohne Kalorienzählen genießen kann. Dann sollen die Leute auf der Straße komisch gucken und über meinen Kleidungsstil herziehen, weil er nicht gesellschaftskonform ist. Wenn Blümchenleggins, Birkenstocksandalen und Radiohits mit Textzeilen wie: „Stopp, halt die Luft an, Baby, ich bin nicht dein Traummann“ der Norm entsprechen, tanze ich weiterhin liebend gerne aus der Reihe – denn nur eine Null hat keine Ecken und Kanten.

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