Der Spagat zwischen Zusammenhalt und Aggressionen – wohin steuert unsere Szene?

Foto: Evgeniy Smersh

Vielen interessanten Themen sind wir bereits auf den Grund gegangen. Doch eine Frage beschäftigt uns seit geraumer Zeit ganz besonders: Wie stark hat sich die Gesellschaft innerhalb der verschiedenen Musik-Szenen eigentlich verändert? Genau diesem Thema sind wir nachgegangen und haben Stimmen aus der Community gesammelt. Egal ob Fans oder Bandmitglieder. Die Antworten sind unterschiedlicher, wie sie nicht hätten seien können. Aber wir sind uns sicher, es gibt nicht nur diese eine Wahrheit. Während manche noch immer von Zusammenhalt, Gemeinschaft und einem familiären Gefühl sprechen, berichten andere von wachsender Aggressivität, Unsicherheit und einem spürbaren Wandel im Miteinander. Ganz besonders auffällig dabei sind der Vergleich und Unterschied zwischen den verschiedenen Genres. Wir haben das Wichtigste für euch einmal zusammengefasst.

Wenn der Safe Space bröckelt: Erfahrungen aus der Menge

Zwischen Safe Space und Ellenbogen-Mentalität liegen oft nur wenige Meter vor der Bühne. Gerade im Deutschrock nehmen viele eine enorme Veränderung wahr und das nicht unbedingt zum Positiven. Mehrere Stimmen beschreiben eine unterschwellige, angespannte Atmosphäre auf Konzerten. Ein Besucher bringt es deutlich auf den Punkt: „Du musst immer aufpassen, was du machst und sagst. Jedes Wort könnte dir heutzutage falsch ausgelegt werden.“ Dann gibt es da noch dieses Gefühl von gewissen Unsicherheiten und das führt bei einigen sogar dazu, dass sie Veranstaltungen meiden oder sich bewusst aus bestimmten Situationen heraushalten. Musik, die eigentlich als Rückzugsort dienen sollte, verliert dadurch für manche eine wichtige Funktion. Auch Fotografen berichten von ähnlichen Erfahrungen im Publikum. Statt auf Verständnis oder Rücksicht stoßen sie im Deutschrock häufiger auf Ablehnung. „Ich wurde auch schon verbal angegangen oder weggeschubst“, beschreibt einer seine Erlebnisse. Ein anderer schildert eine konkrete Situation auf einem Festival, bei der er sogar aktiv von seinem Platz verdrängt wurde, begleitet von abwertenden Kommentaren gegenüber der Presse.

Dem gegenüber stehen vor allem die Eindrücke aus der Metal-, Punk- und Oi!-Szene. Hier wird das Miteinander deutlich positiver wahrgenommen. Viele sprechen von einer offenen, fast familiären Atmosphäre, in der Rücksicht und gegenseitige Unterstützung selbstverständlich sind. „Du bist willkommen, egal wer oder was du bist, man fühlt sich wie in einem Safe Space“, beschreibt es eine Stimme treffend. Gerade im Pogo zeigt sich dieser Unterschied. Während es im Deutschrock teils rau und rücksichtslos zugeht, wird in anderen Genres aufgepasst, geholfen und Platz gemacht. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Entwicklung über die Jahre. Langjährige Besucher sehen die Ursache weniger in der Szene selbst, sondern im gesellschaftlichen Wandel. „Die Leute von damals waren definitiv aufgeschlossener und ruhiger“, heißt es aus der Community. Heute hingegen wird häufiger von Egoismus gesprochen und davon, dass sich viele mehr mit sich selbst als mit der Gemeinschaft beschäftigen. Mehr Hass, mehr Reizbarkeit, mehr Spannungen, die sich dann auch auf Konzerten entladen. Der Umgangston sei generell härter geworden

Warum Respekt jetzt entscheidend ist

Trotz aller Kritik bleibt aber auch ein gewisser Zusammenhalt bestehen, zumindest in Teilen. Viele betonen, dass es immer noch auf die richtigen Leute ankommt. „Im Deutschrock musst du dir gezielt deine Leute suchen, mit denen du eine gute Zeit haben kannst“, fasst es jemand zusammen. Das Gefühl von Gemeinschaft ist also nicht unbedingt abhandengekommen, aber es ist selektiver geworden.

Eine realistische Sicht auf die Dinge zeigt ein gemischtes Bild: Zwischen Zusammenhalt und Spannungen existieren beide Seiten parallel. Einige Genres gelten weiterhin als sicherer Hafen, andere wiederum kämpfen mit einem Image, das von Aggression und Distanz geprägt ist. Jedoch sind wir uns einig: Die Sehnsucht nach Respekt, Gemeinschaft und einem Ort zum Abschalten ist unverzichtbar. Wir sollten wieder bewusster und friedlicher miteinander umgehen. Unser Gegenüber respektieren, einander helfen, und auch wieder mehr nach links und rechts schauen. Niemand muss beste Freunde werden, doch sich gegenseitig akzeptieren, ist in unseren Augen eine Selbstverständlichkeit.

Redaktionell verantwortlich für diesen Artikel:

Mali_Homepage-150x150 Der Spagat zwischen Zusammenhalt und Aggressionen – wohin steuert unsere Szene?

Crew | Redaktion

Schon als kleiner Stöpsel bin ich mit deutscher Rockmusik groß geworden. Die Böhsen Onkelz waren selbst in der fünften Klasse schon Pflichtprogramm. Eine kurze Abschweifung in ein anderes Genre hat mich trotzdem wieder sehr schnell auf die richtige Bahn gebracht.

Kurze Zeit später fanden auch Musikrichtungen wie Punkrock, Metal oder Alternativrock ihren Weg zu mir. Ich bin offen für Neues aber meiner Linie werde ich auf ewig treu bleiben.

Anzeige