Hazen Street – vergessen und verstaubt – nicht mit uns!
Wir feiern gerade noch das neue Album von Madball und da fällt es uns wie Schuppen aus den nicht vorhandenen Haaren. Jetzt ist der beste Zeitpunkt, um über Hazen Street zu reden. Denn Mitglieder von Madball, H2O, New Found Glory und Box Car Racer waren vermutlich nicht genug ausgelastet und formierten sich 2004 zu Hazen Street. Das noch im selben Jahr veröffentlichte und selbstbetitelte Debüt schlug in der Szene riesige Wellen. Dabei vereint sie Punkrock mit melodischen Hardcore- und Alternative Einflüssen und mischt ein wenig Rap und Pop unter. Das Ergebnis war ein außergewöhnliches fast Only-Hit-Album.
Trackliste
- Are Your Ready?
- Fool The World
- Written
- Sorry
- Trouble
- In Memory of
- Tomorrow
- All That
- Back Home
- Crossroads
- Stick Up Kid
- Hazen
Kein Kindergeburtstag

Im Jahr 2004 befand sich die Rockwelt irgendwo zwischen Identitätskrise und Stilfindung. Nu Metal war längst dabei, sich selbst zu kopieren, Emo stand kurz davor, Kajal zum Kulturgut zu erklären und Hardcore begann vorsichtig damit, auch Melodien zuzulassen. Genau in diesem Moment reagieren fünf der einflussreichsten Musiker der Punkrock- und Hardcore Szene und starten ihr Debüt mit „Are You Ready?“. Die Frage ist eher rhetorisch gemeint, denn der Track ist trotz seiner leichtfüßigen Melodie ein Pulverfass an Energie. Hardcore bildet zwar das Fundament, doch wird Punkrock, Alternative und Hip-Hop ganz selbstverständlich und gekonnt zu einem wunderbaren Crossover gesmasht. Darüber hinaus zeigt Freddy Cricien, dass er wirklich singen kann. (Das schafft er auf dem neuen Madball Album ebenfalls.) „Fool The World“ ist ein typischer Hazen Street Track. Geboten werden locker leichte Melodien mit viel Einfluss der Hauptbands, was zu einem sehr entspannten Musikerlebnis führt.
Einer der interessantesten Songs vom Album ist „Written“. Eindrucksvoll wird bewiesen, dass sie in der Profiliga spielen und dass das hier kein Kindergeburtstag ist. Ein ausgefeiltes Arrangement zwischen Chorus und Melodie, erhält den Spannungsbogens über die Strophen hinweg und die bewusst hochgesetzten Bass Sequenzen lassen euch spätestens bei der Textzeile „And only god can judge me“ die Gänsehaut über den ganzen Körper treiben. In dasselbe Horn blasen „Sorry“ und „Trouble“. Hier macht sich zum wiederholten Mal die Entscheidung auf zwei Sänger positiv bemerkbar. Der eine, der im Punkrock gefestigt ist und nun sein Talent konsequent in der Band umsetzt, der andere im Hardcore verwurzelt, der sich nicht zu schade ist, sich in sauberen California Punkrock Melodien zu äußern.
Radiotaugliches Patch Work Business

Wie viele Alben in der Hardcore Szene, ist auch dieses Album Menschen gewidmet, die nicht mehr unter uns weilen. In diesem Fall Jason und Mike. Für sie steht „In Memory of“ – der inoffizielle Titeltrack. An dieser Stelle drückt sich dann doch wieder der anfängliche Sound von Madball durch. Es bleibt auch im Raum stehen, doch die Hooks kommen durch das gewählte Tempo nicht in Fahrt und verblassen im weiteren Verlauf. Ganz anders ist man an „Tomorrow“ herangegangen. Hier setzt man konkret auf den Mix zwischen Rap, kurzen Shouts und melodischem Gesang. Beide Sänger, Toby von H2O und Freddy von Madball, beweisen Talent alle Sparten zu bedienen. Hazen Street hat keine Angst einen radiotauglichen und ein wenig an der Obergrenze emotional getriebenen Song zu performen. Dennoch blieb der kommerzielle Erfolg bisher aus und wird wohl auch in naher Zukunft nicht eintreten. Trotz, dass die Band offiziell immer noch existiert.
Weiter im Text. Mit „All That“, der komplett dahindümpelt, hat uns „Back Home“ so richtig angemacht und erhält uneingeschränkt den Titel zum Signature Track. Mit so viel Abwechslung und Euphorie haben wir auf der Zielgeraden nicht gerechnet. Hier werden alle Register gezogen und das vereinte Patchwork-Business macht richtig Sinn. Ganz ohne Intro und voll darauf los fetzt „Crossroads“. Hier darf Freddy auch wieder etwas in original Vibes anbringen. Anfangs überraschend, kommt der Track dennoch stramm herüber und überzeugt. Besonders im letzten Drittel der Aufnahme wird jedem Hörer die Fülle der Einflüsse bewusst. „Stick Up Kids“ haut schlussendlich nochmals mächtig in die Punkrock-Kerbe und überzeugt mit starkem Chorus und eingängiger Melodie, ohne dabei langweilig oder nach Mainstream zu klingen. Den Abschluss bietet das Outro „Hazen“. Mit der Textzeile: „We are starting something, Hazen, Street Rock with some Hip Hop.” und gescheit mehr Instrumentalleistung wäre hier ein strammer Opener entstanden.
Fazit

Manchmal erreicht gute Musik eben mehr Menschen über Umwege als über die Hochglanzkampagnen. Vielleicht war genau das das Problem von Hazen Street. Zu melodisch für die selbsternannte Hardcore-Polizei. Zu kantig fürs Radio. Zu ehrlich für den damaligen Major-Zirkus. Dass es bei diesem einem Album blieb, ist rückblickend fast tragischer als manches Reunion-Konzert mit Originalbesetzung und halber Originalstimme. Die Musiker kehrten zu ihren Hauptbands zurück, David Kennedy stieg später bei Angels & Airwaves ein und Hazen Street verschwand leise wieder von der Bildfläche. Live-Auftritte waren in den letzten Jahren rar. Zur Rebellion Tour 2023 spielte die Super Group den Abschluss am 23. März im Berliner SO36. Nur gut, dass ihr uns habt, sonst würdet ihr dieses verdammt starke Album gar nicht kennen. Gern geschehen. Es war keine Revolution und kein Meilenstein. Sondern eine Platte voller Leidenschaft, Spielfreude und Songs, die auch zwei Jahrzehnte später noch mehr Biss haben als so manch aktueller Hochglanz-Release.
4,5 von 5
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Crew | Redakteur
Mit Baujahr 1976 nicht mehr so ganz jung, bin ich im Herzen der Republik, in Anhalt aufgewachsen.
Mit 19 Jahren zog es mich nach Baden-Württemberg. Aufgewachsen mit Heavy Metal à la Metallica, Slayer und Kreator etc., pubertierte ich mit dem Punk, bis ich dann mit dem New York Hardcore erwachsen wurde. Es gilt: Ob Metal oder Punk, in deutsch oder englisch, Hauptsache mir gefällt´s.






