GWLT – vergessen und verstaubt – nicht mit uns!
Gewalt war noch nie eine Lösung. Das wusste GWLT auch bei ihrer Gründung 2013. Die Hardcore-Crossover-Band aus München setzt mit der Wahl dieses Disemvoweling ein bewusstes Paradoxon. Sie liefert entschlossene Botschaften gegen Gewalt und Intoleranz. STEIN & EISEN ist das bisher letzte Album der außergewöhnlichen Musiker. Diesjährig feiert es zehn Jahre. Lassen wir es nicht vergessen und wecken die GWLT wieder auf. Denn seit 2022 herrscht Funkstille.
Trackliste

MC mit brutalen Shouts
Der Auftakt „Stein“ fungiert als unbeugsames Credo, im Stil der legendären Such a Surge und eröffnet das Album mit geballten Worten zum Thema des Albums. Wo der Opener sich noch sanft zurückhielt, rammt „Ruhe & Frieden“ euch mit voller Wucht die Underground Hardcorekeule ins Gesicht. Hämmernde Drums, knarzige Riffs und David Mayongas aggressiver Sprechgesang stellen klar, was kommen wird. Wer annimmt, dass David durchgängig sein Talent als MC Roger Reckless darbietet, liegt heftig daneben. Der Mann kann so viel mehr. Seine Stimm- und die Stilvielfältigkeit der Band münden das erste Mal komprimiert in „Seltsame Liebe“. Die Münchner drücken einem förmlich das Gesicht in den Staub, während der eingängige Gang-Chant Refrain bleibenden Eindruck hinterlässt. In „Die Grundmauern der Furcht“ schlägt GWLT einen knallharten Bogen zur Realität. Hass und Hetze werden hier als giftiger Nährboden fürs Böse kritisiert. Die Strophen schießen wie Gewehrsalven aus den Boxen, bis im Refrain klare, fast schon melodiöse Shouts aufblitzen.:
GWLT schließt mit dem abwechslungsreichsten Song, „Eine Taufe aus dem Staub“, das erste Drittel vom Album ab. Nach oben schwingend und dennoch von dröhnender Verzweiflung getragen, entfaltet sich der Sound hymnisch mit schneidender Kante. Bis hierher bewegen wir uns schon sehr auf hohem Niveau. Was nun folgt, ist kaum in Worte zu fassen.
Stilbruch, Vibes und Gastgesang

Ein heftiger Stilwechsel kommt mit „Bis dein Lebenslicht erlischt“. Ein reiner Hip-Hop-Track abseits des gewohnten Krachs. Ein gewagtes Experiment? Nein! Wir sind schon lange weg vom Musikstil-Denken und genießen den unvermeidlichen Musikstilbruch des Albums. Der Track bereitet auf das Kommende vor. Traurig, ängstlich und leicht psychedelisch mit Selig-Vibes erscheint „Von der Dunkelheit und ihrer Anziehungskraft“. Ein weiterer Beweis für die Vielseitigkeit von GWLT. Dann wird es wild. Bevor ihr den Schlag der Musik spürt, liegt ihr bereits am Boden des Moshpit. „Watts 1965“ eröffnet mit einem Spannungsbogen, der sich weiter und weiter dehnt, aber niemals reißt. In diesem Song bündelt GWLT ihren Frust und ihre Wut in unerbittlichen Hardcore-Rhythmen. Einen entscheidenden Beitrag dazu leistet die Stimme von Marathonmann Sänger Michi, der dem Stomp-Track ein letztes i-Tüpfelchen aufsetzt. Nicht das letzte Highlight. Mit „Der beste Mensch“ und „Randale“ werden moderne Hardcore-Crossover Tracks geliefert, die ohne Kompromisse vorwärts krachen und noch einmal den GWLT-Stil zementieren.
Poleposition ganz am Ende
Wer nun denkt, alles ist gesagt und gehört, dem gibt GWLT Widerworte. Die Band trumpft mit zwei speziellen Tracks auf. „Hannah Arendt“ trägt den Namen der berühmten Philosophin und lässt mit etwas depressiver Atmosphäre einen nachdenklicheren Ton anklingen. Einen ordentlichen Arschtritt bekommt ihr mit „Zeichen an der Wand“. Mit einem phänomenalen Gastgesangsauftritt von Jogges, Sänger der Stuttgarter Hardcore Band Empowerment, werdet ihr daran erinnert, dass hinter jedem Protest ein Zeichen steckt. Hier haben wir eines unserer Highlights vom Album.
Schließlich bringt euch GWLT mit „Eisen“ zum Abschluss. Der Song als Pendant zu „Stein“, wirkt wie ein imposantes Resümee, das noch einmal die brutale Bandoffensive zusammenfasst. Aus welchem Grund „Bedlam“ und „Mein liebster Feind“ als Bonustracks auf unserer CD existieren, bleibt unverständlich. Für uns hätten beide gut an der Poleposition starten können. Nach „Stein“ fiel es kurz schwer wieder Fahrt aufzunehmen. Doch der Croud-Refrain: „Nemesis, Nemesis, wer auch immer mag es sein? Nemesis, wer das ist, das entscheidest du allein“ überflutet euch dermaßen mit Dopamin, dass ihr für die abschließenden 80 Sekunden Rap-Part immer noch die Windmühle im Moshpit macht.
Fazit

Die Mischung aus heftigem Groove, Hardcore, Hip-Hop und ungeschöntem Rap-Shout klang 2016 bereits wie ein Faustschlag ins Gesicht. Zehn Jahre später hat sie nichts von ihrer Wucht verloren. GWLT hat auf STEIN & EISEN alles gegeben. Jeder Song wirkt durchdacht, jede Wendung hat ihren Platz. Der Sound ist roh, aber niemals unfertig. Erschreckend aktuell bleibt das Album mit Themen wie Ausgrenzung, Hass, gesellschaftliche Spaltung und Empathie-Verlust. Themen, die heute vielleicht sogar präsenter sind als damals. Dadurch wirkt das Album beinahe prophetisch. Ein Manifest gegen Gleichgültigkeit und Stillstand, getragen von brutaler Authentizität und einer Eingängigkeit, die sich tief ins Gedächtnis brennt. Fast so, als hätte GWLT den rauen Gegenwind unserer Zeit bereits kommen sehen.
5 von 5
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Crew | Redakteur
Mit Baujahr 1976 nicht mehr so ganz jung, bin ich im Herzen der Republik, in Anhalt aufgewachsen.
Mit 19 Jahren zog es mich nach Baden-Württemberg. Aufgewachsen mit Heavy Metal à la Metallica, Slayer und Kreator etc., pubertierte ich mit dem Punk, bis ich dann mit dem New York Hardcore erwachsen wurde. Es gilt: Ob Metal oder Punk, in deutsch oder englisch, Hauptsache mir gefällt´s.





