Deutschrock am Tiefpunkt seiner bisherigen Karriere – Wenn Toleranz zur Ausnahme wird
Vor einem Jahr veröffentlichten wir einen Bericht namens Deutschrock: Kurz vor dem Herzstillstand. https://vollgas-richtung-rock.de/magazin/deutschrock-kurz-vor-dem-herzstillstand/. Wer sich daran erinnert, dem wurde in diesem Bericht deutlich gemacht, dass der Deutschrock zwar noch lange nicht tot ist, aber zunehmend um das kämpft, was ihn einmal ausgemacht hat. Fehlender Nachwuchs, immer gleiche Line-ups, ein sich wandelnder Sound und eine Szene, die Stück für Stück an ihrer eigentlichen Identität verliert.
Nach Veranschaulichung ist in dieser Zeit fast ein ganzes Jahr vergangen und viel passiert. Genug um erschreckend festzustellen, dass der Deutschrock vielleicht ein noch viel größeres Problem hat. Deswegen waren wir der Meinung, das Ganze noch einmal neu aufzurollen. Denn inzwischen stellt sich nicht mehr nur die Frage, wohin sich die Richtung der Musik entwickelt hat, sondern was ist aus der Szene und ihrer Toleranz geworden?

Missgunst statt Toleranz und Loyalität
Seit wann geht es eigentlich nicht mehr nur um die Musik, sondern um Missgunst, Ausgrenzung, Neid und Verhöhnung? Es kann doch nicht sein, dass sich die Rockgesellschaft mittlerweile so sehr spaltet, dass Bands Angst haben müssen, auf Konzerten zu spielen oder eine Absage auszusprechen. Eine Band trifft eine Entscheidung, welche ihr gutes Recht ist und plötzlich wird sie an den Pranger gestellt. Aus unterschiedlichen Meinungen entstehen gehärtete Fronten und aus grundloser Kritik wird eine Schlammschlacht.
Wie kann es sein, dass Menschen anderen Bands auflauern, sie einschüchtern oder bedrohen, ohne darüber nachzudenken, was man seinem Gegenüber damit antut? Wann hört diese Missgunst auf? Warum werden andere Meinungen nicht einfach akzeptiert? Wo ist die Toleranz geblieben, von der eine Szene eigentlich leben sollte und von der alle immer so hochangepriesen sprechen? Toleranz bedeutet nicht, dieselbe Meinung zu vertreten. Sie bedeutet, eine andere Meinung oder Entscheidung stehen lassen zu können, auch wenn sie einem selbst nicht unbedingt in den Kram passt.
Wenn wir einmal einen Blick auf einige Line-ups von vor zig Jahren werfen, sieht man wie viele Bands damals selbstverständlich gemeinsam auf einem Festival gespielt haben. Die würden sich heute nicht mehr die Hand reichen, geschweige denn einen Blick würdigen. Wo bleibt die Loyalität? Wieso steht man nicht mehr füreinander ein, sondern stampft sich unsittlich in den Boden, als wäre der andere nur ein Stück Dreck? Warum sich gegenseitig anfeinden, nur weil der eine nicht die Meinung des anderen vertritt? Kopfschüttelnd stellt sich uns die Frage, ob es hier noch um Musik geht oder einfach nur um ein angekratztes Ego?
Wenn der Mittelfinger lauter wird als die Musik
Mittelfinger auf Festivals und Konzerten einer Band entgegenbringen, sie ausbuhen, verhöhnen oder ausgrenzen. Ist das wirklich das, was aus dieser Szene geworden ist? Bands in der Öffentlichkeit wie zum Beispiel Social Media schlecht machen? Wo kommen wir denn dahin? Warum wird das Schönste, was alle miteinander verbindet, so gottlos nieder gemacht, nur weil jemandem ein Furz quer sitzt? Wieso erlauben sich einige Leute so ein niveauloses Verhalten? Niemand muss jede Band mögen. Niemand muss jede Entscheidung gutheißen und schon gar nicht jede Meinung teilen. Aber genau dort zeigt sich Toleranz. Nicht bei den Menschen, die genauso denken wie man selbst, sondern bei denen, deren Meinung man eben nicht teilt. Man sollte immer noch einmal genauestens darüber nachdenken, ob einige Dinge wirklich gerechtfertigt sind. Recherchieren, nachfragen und Fakten liefern hilft oft weiter und lässt vielleicht auch beim Letzten in der Ecke noch ein Licht aufgehen.

Vor einem Jahr stand der Deutschrock in unserem Bericht sinnbildlich auf der Intensivstation. Und fast 365 Tage später muss diese Frage erweitert werden. Vielleicht verliert der Deutschrock seine Prägnanz mittlerweile nicht nur musikalisch. Fakt ist und da streichen wir mal das Wort vielleicht, verliert die Szene gerade etwas viel Wichtigeres: Toleranz, Loyalität und Zusammenhalt. Wenn Missgunst über Loyalität steht, Ausgrenzung über Toleranz und persönliche Fehden wichtiger werden als die Musik, braucht es keinen Genre-Mischmasch, um den Deutschrock weiter zu schwächen. Dann erledigt die Szene das schneller als wir uns den Namen tätowieren lassen können.
Redaktionell verantwortlich für diesen Artikel:
Crew | Redaktion
Schon als kleiner Stöpsel bin ich mit deutscher Rockmusik groß geworden. Die Böhsen Onkelz waren selbst in der fünften Klasse schon Pflichtprogramm. Eine kurze Abschweifung in ein anderes Genre hat mich trotzdem wieder sehr schnell auf die richtige Bahn gebracht.
Kurze Zeit später fanden auch Musikrichtungen wie Punkrock, Metal oder Alternativrock ihren Weg zu mir. Ich bin offen für Neues aber meiner Linie werde ich auf ewig treu bleiben.







