Ein neues Album, endlich auf Tour – deine Lieblingsband gibt nach langer Pause wieder ein Lebenszeichen von sich. Aber was ist das? Die unbekannte Gruppe mit ihrem alternativen Sound ist plötzlich in den Charts. Da ist doch mächtig was faul – ganz klar, die haben sich verkauft! Vor kaum einem Wort graut es Musikern mehr, schnell huscht es über die Lippen, haftet dafür umso länger im Gedächtnis – „Kommerz“.

Künstler investieren zu Beginn viel Zeit, Geld, Nerven und noch viel mehr Herzblut in ihre Projekte und freuen sich über jeden Support. Es birgt das Gefühl von Exklusivität, wenn man eine noch unbekannte Band findet und Fan der ersten Stunde sein kann. Aber sobald sich der Erfolg einstellt, wenden sich die Hartgesottenen ab – damit will man sich nicht länger identifizieren.

Doch was verleitet uns dazu den Begriff „Kommerz“ so negativ zu behaften? Ist es die Sorge, dass im schlimmsten Fall der eigenen Mutter die Lieder der Gruppe gefallen könnten, die wir seit jeher mit Rebellion in unserer Jugend verbinden? Oder haben wir Angst, dass wir in unserer Gesellschaft nicht mehr als Individuum wahr genommen werden, nur weil die Musik, die wir hören, keine fragenden Gesichter auslöst?

Früher waren die viel härter und überhaupt, die Songs sind so glatt gebügelt, die könnten sogar im Radio laufen!

Kommerz ist auch bei „Fans“ ein Thema
Nicht nur die Bands sind „Kommerz“

Wenn sich der harte, gesellschaftskritische Punkrock zu rundgelutschtem Synthie Pop entwickelt, kann es sich allein ums liebe Geld drehen. Natürlich hat das nichts mit persönlicher Entwicklung, Älter werden, und Kreativität als Künstler zu tun, es verdient sich einfach mehr Kohle mit massentauglichen Hits. Veränderung als solche wahr zu nehmen, fällt scheinbar schwerer, als „Ausverkauf“ zu brüllen.

Sicher nervt es, wenn man Acts wie Rammstein bloß mit viel Geld und Glück aus der letzten Ecke eines überfüllten Festivalgeländes erleben kann oder ein Autogramm nur per Post vom Plattenlabel zu erhaschen ist. Doch was hilft es, gleich wütend der ganzen Band an den Kragen gehen zu wollen, weil noch mehr Leute als man selbst erkannt haben, dass die Jungs eine abgefahrene Show liefern?

Wir feiern jeden privaten und beruflichen Erfolg, erwarten Anerkennung dafür und kaum ein Freund wendet sich ab, sobald wir die Karriereleiter nach oben klettern. Bei Künstlern liegt allerdings einen anderer Maßstab an. Musikalisch begleiten sie uns durch alle Lebenslagen, treffen mit ihren Liedern den eigenen Gemütszustand, manchmal besser als Familie und Freunde es je könnten und trotzdem kehren wir ihnen aufgrund dieses Erfolgs den Rücken. Doch allein deswegen, dass man von seiner Leidenschaft inzwischen leben kann, wird man noch lange kein anderer Mensch.

Okay, ich gebe es zu – ein Klodeckel mit Frei.Wild-Motiv ist dann auch für meinen Geschmack etwas zu viel des Guten, aber wer gibt mir das Recht darüber zu urteilen? Wenn ein Fan sein Morgengeschäft besser auf den Gesichtern seiner Lieblingsband verrichtet, dann sei es ihm gegönnt. Ich kann mit dem Kopf schütteln und die Augen verdrehen, ähnlich wie bei dem bösen Wort mit „K“, doch der besagte Toilettensitz war rasant auf sämtlichen Plattformen vergriffen – es muss einen Markt dafür geben. Wären wir denn nicht auch bitter enttäuscht, vor einem Merchstand zu stehen und uns zwischen zwei T-Shirts entscheiden zu müssen, nur weil nicht mehr angeboten wird?

Und noch während ich belehrend den Zeigefinger nach oben halte, wegen Jedem der leichtfertig und unreflektiert mit dem Begriff um sich wirft, erwische ich mich selbst. Langes Gesicht bei der Suche nach Tickets für das nächste Konzert einer meiner heiß geliebten Indie-Punkbands, die vor kurzem nur eine Hand voll Fans hatte – ausverkauft!

Foto: pixabay


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Lisa Berg
Über mich: Ich, 25 Jahre alt, habe Punk-, Deutschrock und Metal quasi mit der Muttermilch aufgenommen. Frühzeitig von meinen Schwestern mit "Die Toten Hosen" beschallt, hat mich das Fieber endgültig auf meinem ersten "Die Ärzte" Konzert 2007 erwischt. Heute findet man mich meistens lauthals mitsingend in der ersten Reihe auf diversen Konzerten und Festivals. Im Gegensatz dazu verdiene ich ganz seriös meine Brötchen als Grafikerin für den Printbereich. Mein Motto? "Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik"