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Engst – SCHÖNE NEUE WELT – Albumreview

VÖ 30.10.2020

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Engst knüpfen mit SCHÖNE NEUE WELT an Debütalbum an

Die Messlatte für Engst liegt hoch. Vier von fünf möglichen Sternen vergab ich im Oktober 2018 für FLÄCHENBRAND, das Debütalbum der Band. Nun ist es an der Zeit, auch das zweite Werk, SCHÖNE NEUE WELT, unter die Lupe zu nehmen. 13 darauf enthaltene Tracks präsentieren die Berliner seit diesem Freitag der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Wie gewohnt in ihrer Muttersprache und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Darf es ein wenig rockiger?

„Zu poppig, nicht rockig genug“. So, oder so ähnlich klangen viele der kritischen Stimmen, mit denen ich über die bisherigen Songs des Quartetts sprach. Würde das nächste Album rockiger ausfallen? „Mein Problem“, seinerseits Opener der schönen neuen Welt, beantwortet diese Frage mit Ja. Als ob sie meine Vorliebe für derartige Intros kennen würden, leiten Engst ihr Zweitwerk mit einer Kombination aus Gitarre, Toms und Snaredrum ein. Selbstverständlich mit hoher Triebkraft, wie es sich für den Dosenöffner des Albums gehört. Der Song gilt als indirekte Standpauke für die oben genannten Kritiker der Band. Klare Message: Ich bleibe ich, egal wer den ganzen Tag auf mich einredet. Wenn Engst also ihren Stil verändern, dann nur von sich aus.

Abenteuer Tourbus

Das Geheimnis um den nächsten Track, „Wieder da“, lüftete das Quartett bereits vor zwei Monaten gemeinsam mit dem dazugehörigen Musikvideo. Im ersten Teil des Songs nehmen die Vier ihre Hörerschaft mit auf Tour: „Der Bus ist vollgepackt bis knapp unter das Dach. Es riecht nach kaltem Rauch und Dosenbier und einer langen Nacht“. Das gibt zu Denken. Wenn das Tourleben aussieht wie beschrieben, müsste die Band nach 70 gespielten Shows im vergangenen Jahr nun theoretisch auf die Bühnen gekrochen kommen. Keuchend stellt man sich vor: „Wir sind wieder da“. Nun gut, übersehen wir diese Art der Hyperbel und kommen zum instrumentalen Teil des Songs. Denn die zuvor aufgezeigten harten Kanten des ersten Songs werden allmählich wieder abgeschliffen und stattdessen mit Trompetensounds verfeinert. Das erinnert an Flächenbrand.

Wie gewohnt gesellschaftskritisch

Wer Engst kennt, weiß, dass nur wenige Songs ohne gesellschaftliche Kritik auskommen. In „Keinen Meter“, Albumtitel Nummer drei, sparen sich die Vier indirekte Floskeln und zeigen stattdessen klare Kante: Keinen Meter für rechtes Gedankengut. „Wir sind das Volk, nein, das seid ihr sicher nicht, weil nicht jeder hier ein Arschloch ist“. Die Botschaft des Songs bleibt unübersehbar und richtig. „Keinen Meter“ besitzt eine eindeutige Daseinsberechtigung, selbst wenn auch nur einem Fanatiker auf diese Weise die Augen geöffnet werden.

Ein wenig Lokalpatriotismus erlaubt sich das Quartett trotzdem. „Willkommen in Berlin“ sieht auf den ersten Blick wie eine knallharte Abrechnung mit unserer Hauptstadt aus, macht aber deutlich: einmal Berlin, immer Berlin. Drogen, Verwahrlosung und Einsamkeit sind die Schattenseiten der Metropole, die auch der Band selbst aufgefallen sind. Ein Loskommen gibt es für Engst trotzdem nicht, eine Hassliebe sozusagen. Diese Art der Emotionalität sorgt mal wieder für ein wenig mehr Rockfeeling, Gitarrenparts inklusive. Ich bekomme derweil Lust durch den Görli zu spazieren und danach mit der Band ein Bierchen am Alex zu schlürfen. Ein Angebot für die Zeit nach Corona…

Stimme der Vergessenen

Das Gefühl, sich mit Freunden auf ein Bier zu treffen, ist für viele dank der Pandemie nostalgisch geworden. Dass es jedoch Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die sich auch sonst alleingelassen fühlen, schert kaum einen – bis auf Engst. In „Alle tragen Schwarz“ machen sie sich für die Vergessenen, die Alleingelassenen stark. Die Kritik am Wegsehen ist groß: „Doch heute sind sie alle da, nur wegen ihm. Alle tragen Schwarz, doch haben trotzdem weggesehen. Als er alleine auf dem Schulhof stand, so wie es immer war. Keiner will es gesehen haben, doch jetzt tragen alle Schwarz.“ Die erste Hälfte des Albums ist gespielt und es wird deutlich, dass die Band es nicht verlernt hat, Inhalte zu transportieren. Musikalisch ähnlich zum Debütalbum, kann ich mich bisher mit jedem der Texte identifizieren.

Echte Gangster

Gemischte Gefühle bekomme ich erst während des Tracks „Das ist nicht Hollywood“. Ein Lied über das Leben auf der Straße, passend dazu erinnert die Performance am Mikro schon fast an Rap. Ob das Experiment von Toursupport Nordn abgeschaut wurde oder Sidos „Mein Block“ die Playlisten der Jungs bereicherte, ist nicht sicher. Dass die Straßengangsterattitüde nicht wirklich zu den vier Berlinern passt, allerdings schon. Einen Versuch war es dennoch wert…

Heimat- und Wohlfühlatmosphäre

Besser abschneiden kann die Wohlfühlhymne „Zu Hause“. Ein Lied über die eigene Heimat, das Aufwachsen und Zurückkommen. Das Song vermittelt das Gefühl, in der Bahn zu sitzen, Station für Station langsam in der Heimat anzukommen und die geliebte Vertrautheit zu spüren. Ein langsamer Song, der Erinnerungen aufschäumen lässt. Hier akzeptiere ich, ansonsten fanatischer Gegner selbiger, sogar die wohooo-Chöre, die im Song zu finden sind. „Komm ich zeig dir mein Zuhause, die Stadt aus der ich komm´. Hier hab´ ich alles verloren und alles gewonnen. Hier liegen Mutter und Vater und irgendwann auch einmal ich, aber alles kein Grund zum Weinen, weil ich Zuhause bin.“ Ein klassischer Song, um Feuerzeuge zu schwenken. Und auch ich freue mich nun, am Wochenende ins Sauerland zurückzukehren.

Es ist ein Album nostalgischer Gedanken. Der nächste Song „Denkst du noch an mich“, dreht sich zwar nicht mehr um alte Heimatgefühle, dafür aber um eine vergangene Liebschaft. Die Menschen, die man um drei Uhr in der Nacht anrufen möchte, nur um deren Stimme zu hören, finden sich eigentlich in jeder Kontaktliste. Wer sie hat, kann sich auch in diesen Song hineinversetzen und die Gedanken schweifen lassen. Auf die alten Zeiten! „So jung nie wieder“ ist auch das Motto des letzten Songs. Geleitet von einer Akustikgitarre und einem ordentlichen Klecks Folk, kommt der Song „Soll der Teufel“ deutlich sanfter daher. Auch die Snaredrumparts und die eingebaute Mundharmonika machen den Albumtitel lagerfeuertauglich. „Dreh die Boxen nochmal auf, wer weiß denn schon, wann wir wieder so zusammenkommen“, heißt es im Lied. Ein würdiger Abschluss!

Schonungslose Ehrlichkeit

Sind die letzten Töne verklungen, hinterlässt nicht nur „Soll der Teufel“, sondern auch das gesamte Album ein Lächeln auf meinem Gesicht. Instrumental ist für mich keine große Weiterentwicklung erkennbar. Ein wenig mehr Tempo kombiniert mit der fast schon zur perfekten Stimme von Sänger Matthias ergeben den typischen Bandsound. Ein wenig mehr Zigaretten für die Stimme, ein wenig härtere Gitarren- und Drumparts hätten zwar das Album ein wenig aufgehübscht, sind aber auch nicht von erster Wichtigkeit. Denn die Band konzentriert sich weiterhin auf das, was sie am besten kann: schonungslos ehrliche Texte unters Volk bringen. Ohne stumpfe Phrasen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Eric Steinberg
Eric Steinberg
Über mich: Geboren im Jahrgang 2000 bin ich mit 17 Jahren der Jüngste im Team. Für Rockmusik schlägt mein Herz schon seit dem Kindesalter. Angefangen hat damals alles mit den Toten Hosen. Obwohl als Schüler immer knapp bei Kasse, besuche auch ich das ein oder andere Konzert. Außerdem spiele ich leidenschaftlich gerne Schlagzeug. Motto: Es gibt nur ein Gas, Vollgas!
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