XXL Interview mit Jasmin Pabst (Teil 2) – zwischen Beruf(ung) und Seelenfrieden
Wer auf der Bühne steht, zeigt längst nicht immer alles, was dahintersteckt. Denn neben Gitarrenriffs, Tourstress und Social Media gibt es auch noch die Person Jasmin Pabst. Wie viel Arbeit hinter dem Musikerleben steckt, warum sie sich trotz aller Aufgaben immer wieder selbst finden muss und welche Rolle Empathie und persönliche Werte für sie spielen, wird im zweiten Teil unseres Interviews deutlich. Dabei geht es um große Gitarrenträume, ungewöhnliche Karrierewege und die Frage, was am Ende wirklich zählt.
Ein Lehrer, um sie zu knechten
VRR: Eigentlich bist du sogar Lehrerin, hast das aber erstmal auf Eis gelegt. Kannst du dir in entfernter Zukunft vorstellen, deine Lehrertätigkeiten wieder aufzunehmen?
Jasmin: Yes. Ich war Gymnasiallehrerin für Mathe und Physik und habe tatsächlich alles von der 6. Klasse bis hin zur Abiturprüfung unterrichtet. Und um ehrlich zu sein, gibt es für mich momentan nur noch das Leben für die Musik. Sollte ich irgendwann gesundheitliche Probleme bekommen, die diesen Weg nicht mehr möglich machen oder sollte mein Herz plötzlich wieder für das Lehrerinnenleben schlagen, dann könnte ich mir vorstellen, zurückzugehen. Aber ich kann nicht vorhersagen, wie ich mich irgendwann in der Zukunft fühlen werde. Deshalb beschäftige ich mich auch nicht mehr so besonders viel mit solchen „Was wäre, wenn?“-Szenarien. Ich kann dir sagen, dass ich als Overthinkerin auch ziemlich genug davon habe. Das killt einen innerlich.

VRR: Power Metal lebt von großen Gesten und noch größeren Geschichten. Wenn du deine eigene Heldensaga schreiben würdest, welches Artefakt würdest du tragen? (Bitte kein Schwert)
Jasmin: The Nexus Compass. Den habe ich gerade erfunden. Er zeigt nicht einfach den richtigen Weg, sondern macht sichtbar, wie unterschiedliche Menschen, Perspektiven und Entscheidungen miteinander verbunden sind und welche Konsequenzen unser Handeln für das große Ganze haben kann. Er nimmt einem die Entscheidung aber niemals ab. Denn Wissen und Empathie sind nur Werkzeuge. Was wir daraus machen, liegt immer noch in unserer eigenen Verantwortung. Inspiriert von Life Is Strange und The Butterfly Effect mit ein bisschen Jack Sparrow und seinem Kompass, der aber wiederum eher egoistisch gebaut ist. (lacht) Aber irgendwie hat das auch was von der Macht von Doktor Strange.
VRR: Deine Haare sind dein Markenzeichen. Wie viel Geld gibst du im Monat für deine Haare und Kosmetik aus?
Jasmin: Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so eine Frage beantworten würde. Tatsächlich gebe ich dafür gar nicht so viel aus. Ich gehe vielleicht ein bis maximal zweimal im Jahr zum Friseur. Meistens dann, wenn Musikvideos, Promo-Shootings oder Touren anstehen. Mein Styling kostet dort ungefähr 150 € pro Sitzung. Was ich ehrlich gesagt schon ziemlich viel finde. Ansonsten kaufe ich mein Pflege-Shampoo ganz normal in der Drogerie, genauso wie Kajal und Mascara. Farbpaletten halten bei mir ewig, weil ich sie tatsächlich komplett aufbrauche. Privat trage ich dann eben auch die ganzen anderen Farben, die nicht gerade Rot, Orange oder Gelb sind. Ich bin da insgesamt ziemlich unkompliziert und deshalb auch relativ schnell mit dem Schminken fertig. In letzter Zeit stehe ich total auf geflochtene Zöpfe. Dafür investiere ich dann ein paar Cent in diese kleinen durchsichtigen Haargummis und vielleicht einen Zehner in silberne Schmuckelemente, die man mit in die Haare flechten kann. Also hinter dem ganzen Look steckt definitiv kein gigantisches Beauty-Budget.

VRR: Du arbeitest mit Decibel Touring und kennst die Industrie von innen. Was ist der größte Mythos über das Tourleben, den Fans sofort vergessen sollten?
Jasmin: Der größte Mythos ist wahrscheinlich, dass das Tourleben ein permanenter Urlaub ist. Von außen sieht man die Minuten auf der Bühne. Von innen besteht ein Tourtag oft aus 16 Stunden und mehr. Verhältnismäßig früh aufstehen, Load-in, Soundcheck, eventuell Interviews, Content produzieren, posten, warten, Show spielen, abbauen und nachts wieder in den Bus und manchmal weiterarbeiten, wenn etwas ansteht. Die Bühne ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Hinter jedem Konzert stehen unglaublich viele Menschen: FahrerInnen, TourmanagerInnen, FOH, Licht, Merchandise, Stagehands, PromoterInnen und viele mehr. Ohne sie gäbe es diesen magischen Abend gar nicht. Deshalb wünsche ich mir, dass Fans nicht nur die Band feiern, sondern auch sehen, wie viel Herzblut im gesamten Team steckt. Am Ende entsteht eine gute Show nie durch eine Person, sondern durch viele Menschen, die gemeinsam etwas Besonderes erschaffen.
VRR: Jetzt habt ihr bei Decibel Touring einige Künstler unter den Fittichen, die du selbst sehr gut kennst. Wie muss man sich das vorstellen? Schreibst du Mr. Angus McSix oder Mikael Stanne eine WhatsApp oder schon noch eine offizielle Mail?
Jasmin: Tatsächlich kommuniziere ich meistens eher mit den Managements. Die Künstler selbst haben oft so viel mit anderen Dingen um die Ohren, dass es ja genau deshalb Personen im Team gibt, die sich um solche Themen kümmern. Aber gerade am Anfang war ich schon ziemlich schüchtern und dachte manchmal: „Ist das jetzt gerade echt?!“ Irgendwann merkt man aber, dass es am Ende auch einfach Menschen wie du und ich sind. Und dann kann man eigentlich genauso normal und entspannt mit ihnen schreiben wie mit jedem anderen auch.
Selbst ist die Kutte
VRR: Du bist selbst stolze Kuttenträgerin und besuchst gerne privat noch Konzerte und Festivals. Hast du Angst davor, irgendwann zu berühmt zu sein, dass du nicht mehr vor der Bühne stehen kannst?
Jasmin: Nein, ich denke nicht, dass ich irgendwann auf dem Level einer Avril Lavigne stehen werde. Und selbst dann würde ich trotzdem noch zu Konzerten und Festivals gehen. Aber tatsächlich erlebe ich es jetzt schon häufig so, dass die Menschen sehr respektvoll sind und teilweise eher Angst haben, mich anzusprechen, weil sie nicht stören möchten. Gerade die Metal-Szene empfinde ich da als sehr rücksichtsvoll und bedacht. Gelegentlich bekomme ich im Nachhinein Nachrichten wie: „Ich habe dich dort gesehen. Hätte ich dich eigentlich nach einem Foto fragen können?“ Und dann sage ich immer: „Ja, klar, einfach fragen.“ Und wenn ich gerade wirklich keine Zeit habe, bitte nicht enttäuscht sein oder persönlich nehmen. Dann klappt es eben beim nächsten Mal.

VRR: Du lässt uns sehr gerne live teilhaben, wenn du übst. Gibt es Songs, bei denen du Respekt hast, wie sie gespielt wurden und selbst dran scheiterst?
Jasmin: Da gibt es so einige. Und ehrlich gesagt traue ich mich manchmal gar nicht, solche Stücke anzufassen, weil der Zuschauer dabei gefühlt null Fortschritt sieht. Denn gerade am Anfang passiert der Fortschritt ja meistens im Kopf und nicht unbedingt sofort in den Fingern. Bei wirklich krassen Stücken von Jeff Loomis ist es zum Beispiel völlig unmöglich, in 20 Minuten auch nur ansatzweise den ganzen Song zu lernen. Jedenfalls für mich. Bei einem Stück mit 199 Takten habe ich in 20 Minuten genau einen Takt auf 70 % Geschwindigkeit geschafft. (lacht) Lange ging es mir ähnlich mit Songs von Children of Bodom, nachdem Alexi Laiho gestorben ist. Das hatte für mich dann plötzlich eine sehr emotionale Komponente. Ich wollte mich an diese Songs irgendwie nicht heranwagen und dabei „unworthy“ sein. Mittlerweile traue ich mich aber deutlich mehr an solche Herausforderungen heran. Ein gutes Beispiel ist „The Fool“ von Fleshgod Apocalypse. An dem Stück bin ich vor zwei Jahren noch kläglich gescheitert. Heute kann ich es abgesehen vom Solo auswendig und schaffe es auf ungefähr 75 % der Genauigkeit.
VRR: Viele sehen nur das Glamour-Bild. Was ist der unästhetischste, aber ehrlichste Moment auf Tour, den niemand postet?
Jasmin: Wenn man traurig ist. Wenn irgendetwas passiert, was einfach nicht cool ist. Wir sind schließlich alle fühlende Wesen. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Tour im Oktober 2025, als ich irgendwann vor Schmerzen schreiend hinter der Bühne im Felsenkeller saß. Ich hatte mich während der Show verletzt und war mit dem linken Bein umgeknickt, als ich vom Riser gesprungen bin. Den Schmerz habe ich tatsächlich auch während der Show ziemlich lange ausgehalten. Aber als später ausgerechnet noch ein Rucksack gegen das verletzte Bein gefallen ist, da konnte ich dann einfach nicht mehr. Und in diesem Moment kamen zusätzlich noch andere Emotionen hoch, die ich zu dieser Zeit noch nicht vollständig verarbeitet hatte. Irgendwann war einfach alles zu viel. Manchmal braucht es eben nur diesen einen Moment, in dem alles zusammenkommt. Und ich finde, dann darf man auch einfach mal nicht stark sein müssen.

Der nächste Schritt ist immer der wichtigste
VRR: Welche Pläne hast du für die nahe Zukunft? Privat und beruflich?
Jasmin: Ich bin unpredictable wie das Meer. Schließlich bin ich Wassermann-Frau. (zwinkert) Aber wenn ich es privat und beruflich auf eine Sache herunterbrechen müsste: Seelenfrieden. Ich möchte weiterhin den Dingen folgen, die sich für mich richtig anfühlen, mich weiterentwickeln und schauen, wohin mich das führt. Ich habe gelernt, dass sich das Leben sowieso nicht vollständig planen lässt. Konkret suche ich aber nach weiteren Social-Media und Content-Creator Jobs sowie Assistant TM. Und ich wäre gerne mehr auf Tour. Also, der nächste Schritt ist immer der wichtigste und danach schauen wir weiter.
VRR: Du trägst viele Rollen gleichzeitig. Wann hast du zuletzt bewusst eine davon losgelassen, um einfach nur Jasmin zu sein ohne Funktion, ohne Erwartung?
Jasmin: Das ist eine verdammt gute Frage. Ich glaube, das lerne ich tatsächlich gerade erst wieder in manchen Dimensionen. Wenn man sehr viele Dinge gleichzeitig macht, gewöhnt man sich irgendwann daran, immer irgendeine Funktion zu erfüllen: Musikerin, Content Creatorin, Promo-Mensch, Videographin, Photographin, Editorin, Kreativ Schaffende, Coach, Freundin, Partnerin. Und irgendjemand möchte eigentlich immer irgendetwas von einem. Und dann wiederum stellt man sich die Frage: Wer bin ich eigentlich, wenn gerade niemand etwas von mir braucht? In letzter Zeit versuche ich deshalb bewusster, Momente zuzulassen, in denen ich nichts Produktives machen muss. Mit Menschen zusammen sein, bei denen ich keine Rolle spielen muss. Zocken. Kochen. Einfach mal in die Stadt fahren und Sushi essen, ganz alleine. Tattoo-Ideen sammeln. Musik hören, ohne sie direkt analysieren zu müssen. Irgendwelchen Quatsch machen. Oder einfach meinen Gedanken nachgehen, ohne daraus gleich wieder ein Projekt zu machen. Dabei habe ich aber auch gemerkt, dass einfach nur Jasmin sein für mich gar nicht bedeutet, all diese Rollen abzulegen. Jede davon ist ein Teil von mir und in ihrer Gesamtheit machen sie mich aus. Würde ich einen dieser Teile grundsätzlich aus meinem Leben streichen, würde ich mich wahrscheinlich sogar unvollständig fühlen. Und ein Stück weit bin ich immer ich selber, wenn ich diesen Rollen nachgehe. Daher denke ich, dass ich auch ich bin, wenn ich in einer der Rollen bin. Meine Rollen sind keine Masken, sie sind unterschiedliche Teile von mir. Was ich loslassen möchte, ist eher die Vorstellung, dass ich ständig funktionieren muss, um wertvoll zu sein. Und vielleicht ist genau das die eine Rolle, die ich gerade tatsächlich versuche loszulassen. Die Person, die immer funktionieren muss und die denkt, dass der eigene Wert nur durch Leistung abhängig ist.

VRR: Gibt es noch etwas, was du uns noch erzählen möchtest?
Jasmin: Ich möchte am Ende noch etwas sagen, das mir in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist. „I will not play along with things I find unfair.“ Ich glaube, uns fehlen heute manchmal Integrität, Diplomatie und vor allem die Bereitschaft, einander wirklich zuzuhören. Alles ist unglaublich schnell geworden. Wir hetzen von einem Termin zum Nächsten, von einem Post zum Nächsten, von einer Meinung zur Nächsten und sind ständig irgendwie abgelenkt. Dabei vergessen wir manchmal, auch einmal stehenzubleiben und in uns selbst hineinzuhören. Was denke ich eigentlich wirklich? Was fühle ich? Warum reagiere ich auf bestimmte Dinge so, wie ich reagiere? Und genauso wichtig: Warum empfindet ein anderer Mensch vielleicht vollkommen anders? Jeder Mensch ist ein Individuum. Und ich glaube, dass uns das manchmal Angst macht. Wenn wir nicht verstehen, warum Person A anders denkt, fühlt oder handelt als wir selbst, entsteht schnell Unsicherheit. Menschen suchen nach Sicherheit und das, was wir kennen und verstehen, fühlt sich meistens sicherer an. Aber vielleicht liegt gerade im Umgang mit dem Unbekannten eine unserer größten Stärken. Wir müssen nicht gleich sein, um zusammenzuhalten. Nicht unsere Unterschiedlichkeit trennt uns. Unsere Individualität erlaubt uns überhaupt erst, wir selbst zu sein. Entscheidend ist, was wir daraus machen. Ob wir uns gegenseitig bekämpfen oder ob wir versuchen, einander zuzuhören. Ob wir unbedingt Recht haben wollen oder bereit sind, auch die Perspektive eines anderen Menschen zu verstehen. Man muss nicht immer einer Meinung sein. Aber wir können lernen, konstruktiv, ehrlich und respektvoll miteinander umzugehen ohne Hass und ohne Gewalt. Für mich bedeutet Empathie auch nicht, alles gutzuheißen. Es bedeutet zunächst einmal, verstehen zu wollen. Und da haben wir wieder das Paradoxon, dass beides wahr sein kann. Nicht zu verstehen, was in Person A vorgeht, aber Interesse zu zeigen zu verstehen, damit Connection überhaupt erst entstehen kann.
Genau deshalb ist mir auch in der Musik der ehrliche kreative Prozess so wichtig geworden. Ich möchte nicht einfach nur Content produzieren, Zahlen generieren oder irgendeinem Algorithmus hinterherlaufen. Musik bedeutet für mich echte Connection. Zwischen den Menschen auf der Bühne. Zwischen Künstler und Publikum. Zwischen völlig unterschiedlichen Menschen, die vielleicht für diesen einen Moment dasselbe fühlen. Am Ende erinnern wir uns doch nicht an jede Zahl, jeden Post oder jeden perfekten Ton. Wir erinnern uns an Momente. An Menschen. An das Gefühl, verstanden worden zu sein. Vielleicht auch einfach an ein Lächeln, das uns jemand geschenkt hat. Und wenn ich mit dem, was ich tue, anderen Menschen ein paar solcher Momente schenken kann, dann hat das für mich einen Sinn.
Am Ende unseres Gesprächs wird deutlich, dass Jasmin nicht einfach nur ihren Weg gehen, sondern dabei auch ihren eigenen Werten treu bleiben möchte. Zwischen Musik, Arbeit und persönlichen Herausforderungen geht es ihr vor allem darum, sich weiterzuentwickeln, anderen Menschen offen zu begegnen und sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus diesem Interview. Man muss nicht immer einer Meinung sein, nicht ständig funktionieren und auch nicht auf jede Frage eine fertige Antwort haben. Manchmal reicht es, einander zuzuhören und den nächsten Schritt zu wagen.
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Mein musikalischer Weg hat viele Abzweigungen. Von Mittelalter über diverse Subgenres des Metals, bis hin über die Tiefen des Rocks. Geprägt von den Onkelz, In Extremo und Rammstein führt heute kein Weg mehr an In Flames, Parkway Drive und Machine Head vorbei.








