JUDGE – vergessen und verstaubt – nicht mit uns!
Heute wird es Geschichtsträchtig. JUDGE, die Straight Edge Pioniere aus New York, hatte keine große Plattenfirma, kein Millionenbudget und auch keinen perfekten Sound. Dennoch schreibt NO APOLOGIES – THE „CHUNG KING“ SESSIONS Musikgeschichte. Offenbar reicht eine Band, die ordentlich Wut im Bauch hat, ein paar Verstärker und ein Studio, in dem offenbar nicht alles so läuft, wie man sich das vorgestellt hat, um Jahre später Erfolg zu haben. Willkommen bei JUDGE.
Die neuen Straight Edge Könige

Die New Yorker Hardcore-Band wurde 1987 von Mike „Judge“ Ferraro und John Porcelly gegründet. Beide bewegten sich damals im Umfeld von Youth of Today und genau diese Herkunft hört man JUDGE zunächst auch an. Allerdings hatten die beiden offenbar wenig Interesse daran, einfach nur die nächste nette Straight Edge-Hardcoreband zu werden. JUDGE klang düsterer, schwerer und wesentlich aggressiver. Aus dem zunächst kleinen Projekt wurde innerhalb kurzer Zeit eine feste Größe der New Yorker Hardcore-Szene. Bereits die erste Veröffentlichung NEW YORK CREW von 1988 zeigte ziemlich deutlich, wohin die Reise gehen sollte. Mike übernahm Gesang und Schlagzeug, John spielte Gitarre und Bass. Viel Zeit wurde für die Aufnahme nicht benötigt. Aber viel Zeit für freundliche Zwischentöne offenbar ebenfalls nicht. Die Musik war direkt, wütend und kompromisslos. Mit dem wachsenden Erfolg wurde aus JUDGE eine richtige Band. Und 1989 sollte das erste Album folgen. Eigentlich.
Es war kompliziert

Denn was dann in den Chung King Studios in New York aufgenommen wurde, gefiel der Band überhaupt nicht. Der Sound war dünn, die Instrumente wirkten unausgewogen und besonders das Schlagzeug kam ziemlich weit nach vorne. JUDGE zog die Notbremse und verwarf die Aufnahmen. Das Material sollte später in einem anderen Studio noch einmal eingespielt werden. Daraus wurde schließlich BRINGIN´ IT DOWN, das eigentliche Debüt der Band. Nur hatte die Sache einen Haken. Es gab bereits Vorbestellungen. Also wurde die ungeliebte Aufnahme kurzerhand in einer winzigen Stückzahl veröffentlicht. Rund 100 Exemplare kamen 1989 unter dem herrlich diplomatischen Titel CHUNG KING CAN SUCK IT auf den Markt. Was als Übergangslösung gedacht war, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einer der gesuchtesten Platten der Hardcore-Sammlerszene. Und genau hier kommt unsere heutige Platte ins Spiel und dieser Track als Vorgeschmack.
Underground neu aufgelegt

NO APOLOGIES-THE „CHUNG KING“ SESSIONS erschien 1992 beim deutschen Label Lost & Found Records und machte das schwer zugängliche Material auch hierzulande greifbarer. Auf der Platte finden sich frühe JUDGE-Kracher wie „Hear Me“, „Take Me Away“, „Bringin’ It Down“, „Hold Me Back“, „Give It Up“ und „The Storm“. Besonders interessant sind allerdings „Holding On“ und „No Apologies“, denn diese beiden Songs wurden später nicht für BRINGIN´ IT DOWN neu aufgenommen. Und damit sind wir beim eigentlichen Reiz dieser Veröffentlichung. Wer hier den fetten, aufgeräumten Sound vom Debütalbum erwartet, könnte zunächst enttäuscht sein. Die CHUNG KING-Aufnahmen klingen roher, dünner und unausgereifter. Aber genau das macht sie interessant. Man hört JUDGE zu einem Zeitpunkt, an dem die Band ihren eigenen Sound noch suchte. Die Gitarren drücken bereits ordentlich nach vorne, die Breaks sitzen, Mike Ferraros Stimme klingt nach mächtig Ärger. Die Songs besitzen diese Mischung aus Hardcore, metallischer Schwere und Arbeiterklassen Oi!, die JUDGE von vielen ihrer damaligen Kollegen abhob. Gecovert wurde damals auch schon und JUDGE tat es mit „Warriors“ von Blitz:
Live immer noch der Kracher
Vor allem „No Apologies“ zeigt, dass hier schon mehr passiert als drei Akkorde, Geschrei und Schluss. Der Song ist schwerer angelegt und besitzt einen Break, der ziemlich deutlich macht, wohin sich JUDGE musikalisch entwickeln konnte. Die Band selbst sollte allerdings keine jahrzehntelange Karriere hinlegen. Nach einigen Jahren, Touren und weiteren Veröffentlichungen war 1991 zunächst Schluss. Die Band hinterließ mit BRINGIN` IT DOWN, der EP THERE WILL BE QUIET und ihren frühen Aufnahmen trotzdem einen bleibenden Fußabdruck im Hardcore. Im Jahr 2013 kam es schließlich zur Reunion. Und die Geschichte der CHUNG KING-Aufnahmen war damit ebenfalls noch nicht vorbei. Revelation Records veröffentlichte das Material später innerhalb der JUDGE-Gesamtdiskografie und brachte es schließlich 2024/25 noch einmal als remasterte eigenständige Veröffentlichung heraus. Ausgerechnet die Aufnahme, die JUDGE einst möglichst schnell hinter sich lassen wollte, bekam damit Jahrzehnte später doch noch ihre offizielle Ehrenrunde. Hier eine kleine Perle vom Album, die zeigt, dass die Band zur Reunion immer noch abreißen konnte:
Fazit

Nachträglich betrachtet ist NO APOLOGIES also weniger ein verlorenes JUDGE Album als eine Momentaufnahme. Hier klingt eine Band, die noch nicht am Ziel angekommen ist. Nicht perfekt, nicht glatt und schon gar nicht bequem. Dafür ehrlich, wütend und mit genügend Energie, um auch Jahrzehnte später noch ordentlich gegen die Lautsprecher zu treten. Und vielleicht ist genau das die schönste Ironie an der Geschichte. JUDGE wollte diese Aufnahmen eigentlich gar nicht. Wir sind trotzdem froh, dass sie existieren. Die ganze Geschichte zu JUDGE gibt es hier:
4,5 von 5
Redaktionell verantwortlich für diesen Artikel:
Crew | Redakteur
Mit Baujahr 1976 nicht mehr so ganz jung, bin ich im Herzen der Republik, in Anhalt aufgewachsen.
Mit 19 Jahren zog es mich nach Baden-Württemberg. Aufgewachsen mit Heavy Metal à la Metallica, Slayer und Kreator etc., pubertierte ich mit dem Punk, bis ich dann mit dem New York Hardcore erwachsen wurde. Es gilt: Ob Metal oder Punk, in deutsch oder englisch, Hauptsache mir gefällt´s.




