Sturms Fährmann – ALLES ECHT ist kein Marketing-Spruch!

Foto: Sturms Fährmann

Sturms Fährmann hat Grund zu feiern! Ihr inzwischen vierter Langspieler ALLES ECHT hat vor wenigen Tagen das Licht der Welt erblickt. Yannick Lieckfeldt (Gesang) und Jochen Sturm (Gitarre) sprechen im Interview über autobiografische Texte, warum sie sich in Zeiten des Streamings noch für physische Tonträger entschieden haben und inwiefern der Titel ALLES ECHT als Gütesiegel verstanden werden kann.

Die Anfänge

VRR: Euch gibt es mittlerweile schon mehr als zehn Jahren. Wie kam es zur Gründung der Band und wie habt ihr euch alle gefunden?

Jochen: Ich kam aus einer Coverband, habe aber zunehmend eigene Songs geschrieben und da auch deutlich mehr Bock drauf. Also habe ich mich auf die Suche nach geneigten Menschen gemacht. Das Ergebnis war dann unser erstes Album FEUER GEFANGEN. Das Line-up hat sich im Laufe der Jahre verändert. Gitarrist und Bassist waren sieben bzw. neun Jahre dabei. 2020 ist Tim (Schlagzeug) dazugekommen und hat uns einen ziemlichen Schub und auch musikalischen Tritt in den Hintern verpasst. Wie es dann ist: Familie, Scheidungen, Beruf. Das ist nicht für jeden gut miteinander vereinbar. Da klar war, dass wir 2024 einige Gigs spielen werden, wurde es für zwei Bandmitglieder zu viel. Uns ist aber wichtig zu betonen, dass wir immer noch freundschaftlich verbunden sind. Dann kamen Yannick und Thorben dazu und es passte sofort. Tim hatte mit Thorben bereits Musik gemacht und Yannick haben wir mit Glück und gegenseitigem Vertrauen gewinnen können. Seit kurzem sind wir mit Mikey an der Klampfe wieder komplett und voller Vor- und Spielfreude.

 

 

VRR: Sturms Fährmann ist kein Bandname, den man alltäglich hört. Wie ist die Geschichte dazu?

Jochen: Ach Bandnamen… (lacht) Die Jungs waren seinerzeit der Meinung, der sollte etwas mit meinem Nachnamen zu tun haben. Grundsätzlich mögen wir die norddeutsche Art, haben immer wieder Songs vom Meer und die Jungs aus der Band sind einfach gute Fährmänner in wilden Gewässern. Auf und abseits der Bühne.

Yannick: Ich finde den Namen gut gewählt. Unsere Musik soll manchmal genau das sein: ein Begleiter oder Anker. Ein Fährmann.

Niemals aufgesetzt

VRR: Wer waren oder sind eure musikalischen Vorbilder für den „Ehrlicher vom Herzen Rock-‘n’-Roll!“ wie ihr selbst eure Musik beschreibt?

Jochen: Die fünf Mitglieder hören schon auch deutlich unterschiedliche Bands und Stile, insofern würde ich nicht von Vorbildern, sondern eher Einflüssen sprechen. Ich z. B. bin durch Thin Lizzy, Springsteen, Social Distortion und Guns N’ Roses geprägt. Tim kommt vom Punk oder HardCore und Yannick eher vom Metal. Das Ergebnis ist aber eben Rock ‘n’ Roll und der kommt von Herzen – aus uns – und ist nicht aufgesetzt.

VRR: ALLES ECHT ist euer viertes Studioalbum. Was unterscheidet dieses Album am deutlichsten von euren vorherigen Veröffentlichungen?

Yannick: Mit ALLES ECHT haben wir uns nochmal ein Stück mehr geöffnet. Oder wie Olman (s. u.) sagte, wir sind kompakter geworden. Soundtechnisch ist es druckvoller und reifer – es ist persönlicher, direkter. Wir haben nichts beschönigt. Das Album ist ein Spiegel dessen, wo wir heute stehen, als Band und als Menschen.

Jochen: Die Entwicklung wird deutlich. Was das Songwriting und auch das Spielerische angeht. Aber vor allem die Homogenität der Songs. Obwohl Rock-, teilweise Metal- und reichlich Punkeinflüsse hörbar sind, ruhigere und schnellere Songs, greifen sie sich auf und fließen passender ineinander als auf den letzten Alben.

Sturms-Faehrmann-Alles-echt-Albumcover Sturms Fährmann – ALLES ECHT ist kein Marketing-Spruch!
Foto: Sturms Fährmann

Das Mantra des Albums

VRR: Der Titel ALLES ECHT wirkt wie ein Statement oder gar ein Gütesiegel. War zuerst der Albumtitel da oder die inhaltliche Haltung dahinter?

Yannick: Die Haltung war schon immer da. ALLES ECHT hat sich irgendwann wie die logische Überschrift angefühlt. Da mussten wir wirklich nicht lange diskutieren. Es ist kein Marketing-Spruch, sondern unser Anspruch an uns selbst und damit irgendwie auch das Mantra dieses Albums.

Jochen: Danke, wenn ihr das als Gütesiegel empfindet. So wollen wir das überhaupt nicht herausstellen. Zunächst gab es den Song „Alles echt“, nachdem wir das Album benannt haben. Es ist nichts, worüber wir großartig nachdenken. Wir sind, wie wir sind. Und das ist eben zu versuchen ehrlich, authentisch und unprätentiös zu sein. Ganz normal, ohne etwas vorzutäuschen. Das fällt doch irgendwann ohnehin auf. Wir geben gemeinsam alles, sind nicht besser als z. B. die Menschen vor der Bühne. Wir geigen uns die Meinung im Proberaum und haben Spaß zu fünft auf der Bühne. Wenn der Funke überspringt und spürbar wird, haben wir alle im Raum eine gute, echte Zeit zusammen.

VRR: Eure Texte kommen mitten aus dem Leben. Wo zieht ihr die Grenze zwischen autobiografisch und erzählerisch?

Jochen: Ich glaube nicht, dass es da eine bewusste Grenze gibt. Der Ursprung der Texte, die ich beigesteuert habe, sind immer autobiografisch. Klar, manchmal braucht es ein bisschen Ausschmücken, manchmal überhaupt nicht. Ich bin nicht der Erste, der von Therapie spricht, wenn es um das Aufschreiben von Gedanken geht, die zu Songtexten führen. Also kann ich von Texten zumindest aus meinem Leben sprechen.

Die Produktion

VRR: Ihr habt das Album mit Olman Wiebe in den Chefrock Studios in Hamburg aufgenommen. Was hat er als Produzent in euren Sound eingebracht?

Jochen: Zunächst, Olman ist toll! Er hat uns ja auch schon beim letzten Album begleitet. Wenn wir ins Studio gehen, sind die Songs grundsätzlich fertig, insofern produzieren wir quasi selbst. Aber natürlich sind wir offen für Ratschläge und Ideen eines derart erfahrenen Kerls. Olman lässt uns machen, spricht hier und da z. B. ein Songtempo an und bringt am Ende kreative Vorschläge, die den Song unterstützen. Das macht unfassbar viel Spaß. Zudem sorgt er für eine gute Atmosphäre im Studio. Er kann sich auf jeden einzelnen Musiker hervorragend einstellen, spürt, was der jeweilige Mensch braucht. Arschtritt oder Zuspruch. Das Chefrock-Studio gehört zu den Top-Adressen in Hamburg. Insofern ist die Ausstattung, der Raumklang und das Ambiente schonmal herausragend. Das alles macht Olman und fängt er fantastisch ein. Er hat einen tiefen Einblick in die Band und was sie vorhat bzw. ausdrücken will. Deshalb hat er das Album nicht nur aufgenommen, sondern auch gemischt und gemastert. Außerdem hat er ein fast ekelhaft gutes Ohr.

VRR: Gibt es einen ganz speziellen Song auf dem Album, der euch emotional besonders nahegeht?

Yannick: Ich denke, ja. „Auf welchem Weg“ war für uns alle sehr emotional. Das interessante ist, dass er uns alle an ganz unterschiedliche Geschichten hat denken lassen. Für den einen war es die Trennung, für den anderen eher eine politische Botschaft. Wir haben dadurch das Potenzial des Songs erkannt.

Jochen: Schwierig. Welches Kind liebst du am meisten? Alle in der Band haben Assoziationen zu „Auf welchem Weg“. Mir ist „1000 x von vorn“ nah, weil das der erste Song war, den Yannick und ich gemeinsam geschrieben haben. „Niemals zurück“ ist mir persönlich total eng. Dann gibt es Songs, die wir einfach musikalisch total gerne spielen, wie „Alle Mann an Deck“ oder „Kein Morgen mehr“. Bei der Aufzählung merke ich, dass es wirklich bei jedem Song etwas gibt, das den einen oder anderen von uns mehr catcht.

Tiefe Emotionen wecken

VRR: Wie wichtig ist euch, dass sich Fans in euren Texten wiederfinden können?

Jochen: Wir freuen uns darüber! Grundsätzlich machen wir das zunächst für uns. Aus dem jeweiligen Gefühl, der Situation heraus. Aber klar berührt es uns, wenn uns Menschen ihre Geschichte zu den jeweiligen Songs erzählen. Das ist schon nochmal eine emotionale Schippe drauf.

Yannick: Was heißt wichtig? Das sollte nicht das Ziel sein, aber umso schöner ist es, wenn genau das passiert. Wenn wir mit unseren Texten andere Menschen berühren, ist das ein wahnsinnig tolles Gefühl und großes Lob.

VRR: Im Zeitalter der Musikstreamings habt ihr euch trotzdem entschlossen, das Album physisch und sogar als Sammlerbox anzubieten. Ist es euch wichtig, dass man eure Musik auch in den Händen halten kann und nicht nur gestreamt wird?

Jochen: Natürlich macht das wirtschaftlich keinen Sinn mehr. Aber so denken wir nicht. Wir haben ein Top-Studio gebucht, um die bestmögliche Aufnahme zu machen. Das soundmäßig bestmögliche Ergebnis. Wir schlafen nicht ganz auf dem Baum und wissen natürlich, dass der potenzielle Konsument sich das ganze heruntergerechnet und übers Handy streamt. Na und. Wir haben Bock etwas in der Hand zu halten, sogar Vinyl. Das ist ein anderes Hörerlebnis und es gab in der Vergangenheit eben auch häufiger Anfragen danach. Es ist ein Angebot. Probiert es!

Sturms-Faehrmann-Releaseshow Sturms Fährmann – ALLES ECHT ist kein Marketing-Spruch!
Foto: Sturms Fährmann

Live-Energie

VRR: Plant ihr nach der Release-Show eures Albums eine eigene Tour?

Jochen: Es sind noch einige Sachen geplant. Eine eigene Tour wird es dieses Jahr nicht geben können. Die Kosten sind ehrlicherweise nicht kalkulierbar und wir sind mit der Produktion schonmal in Vorleistung gegangen. Ist halt alles DIY. Grundsätzlich spielen wir gerne live und wo auch immer. Energie ist garantiert! (schmunzelt)

VRR: Was wünscht ihr euch für die Zukunft? Wo seht ihr euch in fünf Jahren?

Yannick: Wir wollen weiterhin Musik machen, hinter der wir stehen können. Wenn wir in fünf Jahren sagen können: „Wir sind uns treu geblieben“, dann ist das Erfolg genug. Natürlich träumt man von größeren Bühnen, fetteren Festivals und noch mehr Menschen, die mitsingen. Aber nicht um jeden Preis.

Jochen: Musik werden wir sowieso noch machen. Ansonsten: Was Yannick sagt!

VRR: Nun noch gerne einige Worte an eure Fans und alle, die es noch werden, was möchtet ihr ihnen mitteilen?

Yannick: Danke. Einfach Danke. Für eure Zeit, eure Unterstützung, eure Geschichten. Ihr seid Teil von dem Ganzen. Und an alle, die uns noch nicht kennen: Hört rein, kommt auf ein Konzert. Vielleicht sehen wir uns im nächsten Sturm. Wir sind da. Alles Echt.

Jochen: Liebe, Frieden, Rock ‘n’ Roll!

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