Bereits seit Wochen fieberst du diesem einen lang ersehntem Wochenende entgegen. Der Winter und die darauffolgende Schlechtwetterphase neigen sich endlich dem Ende zu und die ersten Sonnenstrahlen verbrennen dein ausgeblichenes Gesicht. Ein großartiges Gefühl, wenn es wieder heißt: Die Festivalsaison ist zum Greifen nah. Für viele von uns ist der Besuch unserer geliebten Festivals stellvertretend für den Sommer. Zugegebenermaßen kommen die Sonne und die Kombination kurze Hose und T-Shirt somit erst an zweiter Stelle, gehören aber gleichermaßen dazu. Der große Tag ist da! In eurer Whatsapp-Gruppe springen alle im Dreieck, du reißt die seit Wochen parat gelegten Festivaltickets von der Pinnwand im Flur, die dich schon viel zu lange beim Vorbeilaufen anlächeln, und startest deinen mit Bandstickern zugeklebten, provinziellen Kleinwagen, in dem das erste verschüttete Dosenbier auf dem Rücksitz nicht lange auf sich warten lässt. Na, erkennt sich jemand wieder?

G.O.N.D. 2015

Endlich angekommen heißt es dann Regel Nummer eins brechen: „Zuerst aufbauen, dann feiern“. Ab jetzt steht die Befriedigung unserer intimsten Ur-Instinkte an erster Stelle… und natürlich Rock’n’Roll! Drei Tage Spaß an der Freude, drei Tage keine Gedanken an den Alltag, drei Tage tun und lassen, was beliebt. Ein Blick über den Campingplatz birgt dabei so einige unkonventionelle Anblicke, die trotz vorangehender Verwunderung gut und gerne in Erinnerung bleiben. Die Rede ist von Menschen, die in Unterhose, auf dem Dixi sitzend, Akustik-Gitarre spielen, nackten Leuten, die mit Panzertape an Bauzäune gefesselt wurden. Von Frauen, die ihren Partner an einer Hundeleine über die Merchmeile führen und renommierten Campingplatz-Gärtnern, die ihre Rolle mal wieder maßlos übertreiben und vor ihrem Zeltlager ein wahres Utopia erbauen, wie es selbst der OBI-Markt um die Ecke nicht besser hätte kreieren können. Ein schönes Gefühl bei selbst anarchistischem Aussehen und Benehmen nicht wirklich aufzufallen zu können und mit den Anwesenden ein entspanntes und sorgloses Miteinander zu genießen.

G.O.N.D. 2015

Wir treffen die tollsten Menschen von vergangenen Festivals. Oftmals ist dafür nicht einmal eine Verabredung nötig, man läuft sich über den Weg. Selbst wenn man vom Pogo vor der Bühne oder von der Selbstüberschätzung während eines Flunky-Ball-Turniers erschöpft auf halbem Wege zurück zum Zelt oder Wohnwagen liegen bleibt, wird man liebevoll von seinen Campingplatznachbarn in Empfang genommen und lernt neue Leute kennen. Wirklich alleine ist man nie. Alleine ist man nie? Das mag im ersten Moment klasse klingen, doch wenn man nach zwei Tagen Dauerparty in sich zusammensackt und sich außer der Reihe einfach mal seine verdiente Mütze Schlaf abholen möchte, wacht man zu selten ohne mithilfe eines Eddings semiprofessionell ins Gesicht geschmierten Geschlechtsteilen auf. Auch von seinen „Freundenmit Kabelbindern gefesselt unsanft aus seinen feuchten Träumen gerissen zu werden ist unter so manchen Festivalnomaden gängige Praxis. Wem das alles noch nicht Prüfung genug ist, darf sich auf den Ghettoblaster seiner Zeltplatznachbarn freuen, der dir aus heiterem Himmel um 5 Uhr morgensGuten Morgen Sonnenschein“ von Nana Mouskouri um die Ohren ballert. Du findest das witzig? Ich auch.

Tja, damit ist die Nacht wohl rum. Jetzt heißt es „Aufstehen“! Entweder springen die Unermüdlichen deiner Kumpanen noch immer wild und besoffen um eure Biertischgarnitur herum oder du begibst dich verzweifelt auf die Suche nach einer letzten Kippe, trinkst den Rest Bembel oder Pfeffi (Oder Bembel UND Pfeffi), den irgendjemand geöffnet zurückgelassen hat und beobachtest genervt aber glücklich den Sonnenaufgang. Ein Blick auf den Festivalguide und das darin enthaltene Line-Up des heutigen Tages, sofern du dich noch an das Datum erinnern kannst, helfen dabei die Gemütslage weiter zu pushen. Leider wird es gegen Ende eines jeden Festivals wieder Zeit ein Mensch zu werden. Wer es während seines Aufenthalts vergessen haben sollte: Das sind diese Teile mit Ohren und Nase, die am Montag wieder geduscht auf Arbeit sitzen müssen, permanent mit einem eigens verschuldetem Sekundenschlaf zu kämpfen haben und einigermaßen vernünftige Sätze von sich geben müssen. Ihr kennt das… Genau wie das zu unseren Sorgen und Pflichten gehört, ist es unsere heilige Aufgabe unseren Zeltplatz nach exzessivem Konsum und ununterbrochener Eskalation sauber zu hinterlassen. Ich erinnere mich an die Fotos vom Alpen Flair 2016 oder das vergangene Mainstream am R… ähh Rock am Ring, an dem flächendeckend ganze Pavillons, diverse Campingausrüstungen und großzügig verteilter Plastikmüll schamlos zurückgelassen wurden. Bei all der ausgelassenen Feierlaune gibt es nach wie vor einige Kavaliersdelikte, die einfach nicht sein müssen.

(c)dpa – Bildfunk (Spiegel)

Bitte achtet auch gemeinsam darauf, dass sich euer Fahrer für den Heimweg absolut nüchtern in das Auto setzt. Tödliche Unfälle geschehen nur anderen? Man sieht sie nur im Fernsehen oder in der Zeitung? Dann sorgt bitte auch selbst dafür, dass das so bleibt und ihr sehr bald ein weiteres Mal gemeinsam und sorglos auf euren Festivals eine tolle Zeit haben könnt.

Mit diesen Worten verabschiede ich mich und wünsche allen eine fantastische Festivalsaison! Das VRR-Team begibt sich nun auf das erste Open Air Festival für dieses Jahr.

Wir sehen uns!