Die Helden der Kindheitserinnerungen: Kontrollverlust im Interview

Zwischen Anime Intros, Cartoon Hymnen und Popkultur Soundtracks hat sich Kontrollverlust in den letzten Jahren eine ziemlich eigene Nische geschaffen. Nostalgie trifft auf Vollgasrock, Mitsing-Euphorie und Moshpit Eskalation. Mit ihrem ersten eigenen Song „Wir bleiben wie wir sind“ schlägt Kontrollverlust jetzt ein neues Kapitel auf, ohne dabei ihre Wurzeln zu vergessen. Dazu kommt eine kommende Disney-geprägte Albumoffensive und eine Tour, die vermutlich mehr Kindheitserinnerungen pulverisieren wird als jedes Klassentreffen. Wir haben mit der Band über Eigenmaterial, Nostalgie-Abriss und Zukunftspläne gesprochen.

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Der erste eigene Song

VRR: Ihr habt unzählige Kindheits- und Popkultur-Songs durch den Rockwolf gedreht. Jetzt ist euer erster eigener Song „Wir bleiben wie wir sind“ erschienen. Was hat euch dazu bewegt und war das erst der Anfang?

Tobias: Unter dem Bandnamen Die Versenker haben Marvin, Denis und ich schon viele Jahre eigene Musik geschrieben und veröffentlicht. Deshalb war es uns lange wichtig, mit Kontrollverlust eine klare Abgrenzung zu schaffen und das Projekt bewusst als Coverband zu halten. Da sich Die Versenker mit der Zeit aufgelöst haben, gab es diesen Output an eigener Musik plötzlich nicht mehr. Genau deshalb fühlt sich der Schritt jetzt auch so natürlich an. Das ist nichts komplett Neues für uns, sondern eher etwas, das schon immer Teil von uns war. Wir wurden immer wieder darauf angesprochen, ob wir nicht auch unter dem Namen Kontrollverlust eigenes Material veröffentlichen wollen. Lange haben wir uns dagegen gesträubt. Der letzte Impuls kam dann durch eine Anfrage von Geekworld, für sie einen eigenen Song zu schreiben. Das war der Moment, in dem wir gesagt haben, jetzt machen wir es. Und sehr wahrscheinlich wird das nicht der letzte eigene Song gewesen sein.

VRR: Nach der Tour ist vor der Tour. Und ihr kommt im November direkt zurück mit der MÄRCHEN SCHREIT DIE ZEIT Album Release Tour. Was hat euch dazu inspiriert, ein komplettes Album dem Disney-Kosmos zu widmen? Wann erscheint die Platte und könnt ihr uns schon einen kleinen Teaser geben?

Tobias: Die Platte wird Ende Mai erscheinen. Das ist ein kleiner Teaser, der so bisher noch nicht draußen war. Inhaltlich wird es eine Mischung geben. Ein paar Songs, die man von uns schon kennt, aber auch komplett neue Sachen. Wir haben uns diesmal auch an aktuellere Disney-Songs gewagt. Außerdem wird es noch zwei zusätzliche starke Gast-Performances geben, die bisher nicht veröffentlicht sind. Wir tauchen dabei sehr tief in die Disney-Welt ein. Wir sind mit diesen Songs aufgewachsen und haben einen großen Respekt vor dem Songwriting dahinter. Das sind einfach unglaublich gut geschriebene Stücke, die wir selbst total gerne hören und spielen. Deshalb haben wir viel Zeit in die Arrangements gesteckt und wirklich lange daran gefeilt, bis sich alles richtig angefühlt hat. Bei einigen Songs war schnell klar, dass sie als Duett noch besser funktionieren. Da haben wir gezielt nach passenden Stimmen gesucht und zum Glück auch direkt Zusagen von unseren Wunsch-Sängerinnen bekommen.

VRR: Disney trifft Moshpit klingt erst einmal wie ein wilder Genre-Zaubertrick. Wie verwandelt ihr emotionale Kindheitserinnerungen in pure Live-Energie, ohne dass der Abrissfaktor verloren geht?

Tobias: Ein festes Rezept gibt es dafür nicht. Vieles kommt aus der Erfahrung heraus. Wir stehen seit rund zehn Jahren zusammen auf der Bühne, kennen uns extrem gut und haben über die Zeit viel ausprobiert. Ein gutes Beispiel ist „Die Gummibärenbande“. Den Song spielen wir schon lange, aber er hat sich immer weiterentwickelt und bei der letzten Tour sogar einen Moshpit bekommen. Das war früher überhaupt nicht so. Solche Dinge entstehen, weil wir uns live bewusst Raum geben, Sachen auszuprobieren. Wir spielen komplett ohne Backingtracks und können dadurch jederzeit spontan reagieren, Dinge verändern und mit dem Publikum arbeiten. Vieles funktioniert nicht, aber manchmal entsteht genau daraus etwas richtig Starkes. Kontraste spielen dabei eine wichtige Rolle. Wir arbeiten bewusst mit Gegensätzen und nutzen Elemente aus verschiedenen Genres, ohne uns selbst klar in eine Szene einzuordnen.

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Lieblingsserien oder Anime

VRR: Was sind eure persönlichen Lieblingsserien oder Anime? Und gibt es Intros, bei denen ihr sagt: „Finger weg“?

Tobias: Aktuelle Kinderprogramme spielen bei uns kaum eine Rolle. Wenn überhaupt, dann laufen bei unseren Kids eher Sachen, die wir selbst schon kennen. Hannah Montana oder H2O sind zum Beispiel Serien mit richtig starken Intros. Auch Ninjago hat musikalisch echt viel zu bieten. Grundsätzlich sagen wir aber nie von Anfang an, dass wir etwas auf keinen Fall machen. Wir probieren vieles aus und merken dann im Prozess, ob es funktioniert oder nicht. Manche Ideen verwerfen wir wieder, andere entwickeln sich weiter. Was Anime angeht, ist unser Sänger Marvin am tiefsten drin. Der Rest der Band schaut privat weniger und insgesamt gehen die Geschmäcker bei uns ziemlich auseinander.

VRR: Hand aufs Herz: Wenn hunderte Leute gleichzeitig die Hits ihrer Kindheit feiern und vor der Bühne alles eskaliert, was geht euch in solchen Momenten durch den Kopf?

Tobias: Das ist genau der Moment, für den wir diese Band gegründet haben. Wir wollten immer ein starkes Gemeinschaftsgefühl schaffen und eine Crowd haben, die die gleichen Erinnerungen teilt. Wenn dann auf Tour oder auf Festivals die Leute komplett ausrasten, mitsingen oder sogar emotional werden, dann ist das genau der Grund, warum wir das machen.

VRR: Wie läuft das eigentlich mit dem Covern bekannter Songs?

Tobias: Der Prozess ist extrem aufwendig und komplex. Es macht einen großen Unterschied, ob man einen Song auf CD veröffentlicht, bei Spotify hochlädt oder Inhalte auf Plattformen wie YouTube, Instagram oder TikTok nutzt. Jede Plattform bringt ihre eigenen Regeln und mögliche Stolpersteine mit sich. Wir hatten auch schon Fälle, in denen es richtig schwierig wurde. Unser Cover von „The Boys of Summer“ ist ein gutes Beispiel. Da haben wir sehr viel in das Video investiert und sind dann in rechtliche Probleme gelaufen. Man muss sich in diesem Bereich wirklich sehr genau auskennen und ständig darauf achten, alles sauber umzusetzen.

VRR: Ihr seid mittlerweile Spotify-Millionäre. Habt ihr ein Gefühl dafür, welche Songs besonders zünden?

Tobias: Wir haben intern immer wieder gewettet, welcher Track besonders erfolgreich wird. Ehrlicherweise liegen wir fast immer daneben. Nach so vielen Veröffentlichungen hätten wir gedacht, dass wir irgendwann ein Gefühl dafür entwickeln, aber das ist nicht passiert. Gleichzeitig macht genau das auch den Reiz aus. Wenn es eine klare Formel gäbe, wäre es am Ende wahrscheinlich auch zu einfach. Es gibt auch Songs, die im Streaming eher unter dem Radar laufen, live aber komplett eskalieren. Dazu gehören zum Beispiel „What‘s up“, „Zombie“ und „Teenage Dirtbag“.

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Wie geht es weiter in nächster Zeit

VRR: Wo seht ihr euch in drei Jahren? Mehr Eigenmaterial? Größere Bühnen? Mehr Chaos? Oder einfach weiterhin das machen, was Kontrollverlust am besten kann: Menschen kollektiv eskalieren lassen?

Tobias: Mehr Chaos auf jeden Fall. Menschen gemeinsam eskalieren zu lassen wird immer der Kern von Kontrollverlust bleiben. Wir hoffen, dass wir unseren Weg mit eigenen Touren weitergehen können, denn das ist für uns das Wichtigste. Gleichzeitig ist das auch immer mit einem großen Risiko verbunden, weil wir alles selbst organisieren und jede Tour im Zweifel auch die Letzte sein kann, wenn etwas schiefgeht. Natürlich wünschen wir uns auch größere Festivals, aber dafür müssen wir weiterwachsen. Und genau dafür sind die eigenen Touren entscheidend. Am Ende geht es uns darum, unsere Community weiter auszubauen und noch mehr Menschen für das zu begeistern, was wir machen. In drei Jahren sehen wir uns nicht komplett anders als jetzt, aber hoffentlich auf größeren Bühnen und mit noch mehr eigenem Material.

VRR: Und zum Schluss, wie können Fans euch aktuell am besten unterstützen?

Tobias: Das Wichtigste ist ganz klar, kommt auf unsere Tour. Streaming ist schön, Merch auch, aber das Entscheidende ist, dass ihr vor Ort seid und die Shows am Leben haltet. Seid laut, macht mit, haltet den Pit am Laufen und habt einfach einen richtig guten Abend miteinander. Genauso wichtig ist es, dass ihr weitererzählt, wenn euch gefällt, was wir machen. Wir haben kein großes Team im Hintergrund, alles läuft über uns selbst. Mundpropaganda ist für uns entscheidend. Und wenn ihr uns richtig, richtig kacke findet, dürft ihr das natürlich auch weitererzählen. Hauptsache, es spricht sich rum.

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Crew | Fotograf

Mein musikalischer Weg hat viele Abzweigungen. Von Mittelalter über diverse Subgenres des Metals, bis hin über die Tiefen des Rocks. Geprägt von den Onkelz, In Extremo und Rammstein führt heute kein Weg mehr an In Flames, Parkway Drive und Machine Head vorbei.