In Extremo im Interview zu ihrem neuen Album TRANQUILO II
In Extremo steht seit Jahrzehnten für Songs, die ordentlich Druck machen und auf der Bühne kaum jemanden stillstehen lassen. Mit TRANQUILO II zeigen die Mittelalter-Rocker nun eine andere Seite ihres musikalischen Schaffens, ohne dabei ihre gewohnte Energie über Bord zu werfen. Wir haben mit Kay Lutter darüber gesprochen, wie viel Experimentierfreude in den Neuinterpretationen steckt, warum nicht jeder Klassiker automatisch akustisch funktioniert und weshalb TRANQUILO auch nach all den Jahren etwas Besonderes für die Band bleibt.
Stecker raus und plötzlich hört man alles?
VRR: Bei einer normalen In Extremo Show darf es ordentlich drücken, scheppern und brennen. Bei TRANQUILO II rücken die einzelnen Instrumente und Stimmen deutlich stärker in den Vordergrund. Ist eine Akustikshow für euch dadurch musikalisch sogar anspruchsvoller, weil man sich hinter einer Wand aus Lautstärke schlicht weniger verstecken kann?
Kay: Also, dass man sich hinter einer Wand aus Lautstärke verstecken kann, das halte ich für ein Gerücht. Das hängt vielleicht etwas vom Genre ab, ansonsten ist ein schiefer Ton eben ein schiefer Ton. Zugegeben, auf einem Akustikkonzert hört man ihn besser, aber das ist auch der einzige musikalische Unterschied. Viel entscheidender ist, dass die Hallen kleiner sind und man oft direkt vor dem Publikum spielt. Das ist, nach so vielen Jahren, schon eine Umgewöhnung. Doch man erdet sich schnell und weiß, wo man herkommt. Dazu kommt, dass ein paar Mitglieder unserer Band noch in Nebenprojekten spielen, die in deutlich anderen Gefilden unterwegs sind. Auch das macht einen etwas selbstsicherer.
VRR: Wie verändert sich so ein Tourtag ganz praktisch? Gibt es andere Soundchecks, mehr Proben, empfindlichere Instrumente und plötzlich Musiker, die ihre Finger tatsächlich aufwärmen müssen? Oder herrscht Backstage am Ende exakt derselbe Wahnsinn wie auf einer normalen In Extremo Tour?
Kay: Es ist ein neues Projekt und wie bei jedem neuen Projekt, jeder neuen Konzertreihe und jeder neuen Platte ist die Anspannung zu Beginn groß. Der Soundcheck wird länger dauern, da wir mit akustischen Instrumenten unterwegs sind, die gerne einkoppeln. Und wir haben Gäste dabei, die in ihren jeweiligen Bands natürlich andere Abläufe gewohnt sind. Kurz gesagt, es bleibt spannend. Allerdings hätte ich meinen Beruf verfehlt, wenn ich mich bei In Extremo nicht auch aufwärmen müsste.

VRR: Für TRANQUILO II habt ihr Songs aus mehr als drei Jahrzehnten auseinandergenommen und mit Einflüssen aus Swing, Rockabilly, Ska, Reggae oder osteuropäischer Musik neu zusammengesetzt. Bei welchem Stück saßt ihr irgendwann da und habt euch gefragt: „Wer zur Hölle hatte eigentlich die Idee, ausgerechnet den Song akustisch spielen zu wollen?“ Und gab es vielleicht sogar Songs, bei denen ihr irgendwann kapituliert habt?
Kay: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Es gibt Songs, die z. B. auf einem Gitarrenriff basieren, was auf einer akustischen Gitarre einfach nicht klingt. Dann gibt es Songs, die wiederum vom Soundgewand leben, was unheimlich aufwändig wäre zu reproduzieren. Dann gab es die Idee ein paar seltene Stücke zu spielen. Songs, die wir tatsächlich noch nie live aufgeführt haben. Am Ende des Tages stellt man dann fest, dass es natürlich auch Gründe dafür gibt. Schließlich wollen wir keinen musikalischen Rateabend veranstalten, sondern den Leuten Freude machen. Die Auswahl ergibt sich irgendwie von allein. Wir hatten eher das Problem, dass wir mittlerweile so viele Songs produziert haben, dass wir uns nicht entscheiden können.
Wie weit darf man einen eigenen Klassiker zerlegen?
VRR: Fans kennen manche eurer Songs seit Jahrzehnten und könnten wahrscheinlich nachts um drei jeden Einsatz mitsingen. Wie groß ist da die Hemmschwelle, einen Klassiker komplett umzubauen? Gab es innerhalb der Band Diskussionen, bei denen eine Hälfte unbedingt experimentieren wollte und die andere sagte: „Finger weg, sonst werden wir gesteinigt“?
Kay: Wir sind generell offen für alles. Das geht bei In Extremo natürlich auch gar nicht anders, denn die Musikgeschmäcker der einzelnen Bandmitglieder sind extrem weit gestreut. Von daher gibt es erst überhaupt keine Hemmschwelle in unseren Köpfen. Wir proben in der Regel zusammen und entwickeln dort die meisten Ideen. Das ist auch der Zeitpunkt, an dem sich die Spreu vom Weizen trennt. Sobald wir merken, dass sich ein Song in die falsche Richtung entwickelt, verfolgen wir die Idee nicht weiter. Mit der Bearbeitung müssen alle einverstanden sein, sonst macht es keinen Sinn.
VRR: Die Gastmusiker auf TRANQUILO II sind keine zufällig zusammengewürfelten Features, sondern Freunde und langjährige Weggefährten. War für euch von Anfang an klar, wen ihr dabeihaben wolltet, oder gab es noch andere Künstler, über die ihr ernsthaft gesprochen habt?
Kay: Bei TRANQUILO II war es ziemlich schnell klar, mit wem wir gern auf Tour gehen wollen. Ein Auswahlkriterium ist zuallererst natürlich das Instrumentarium, also die Frage mit wem trägt sich ein Konzert über die gesamte Länge. Da würde es zum Beispiel wenig Sinn machen Gastmusiker mitzunehmen, die nur für zwei Solis auf die Bühne kommen. Das Gesamtkonzept muss schon Sinn machen. Der Rest bleibt unser Geheimnis.

Akustisch, aber ganz sicher nicht ruhig
VRR: Wir durften bereits in TRANQUILO II hineinhören und waren ziemlich schnell an dem Punkt, dass es überhaupt nicht nach dem klassischen Akustikalbum klingt, bei dem plötzlich alle brav auf Barhockern sitzen und Balladen spielen. War es von Anfang an euer Plan, zu zeigen, dass akustisch bei In Extremo trotzdem nach Bewegung, Energie und ordentlich Leben klingen kann?
Kay: Wir denken über so etwas nicht nach, ganz ehrlich. Viele der Songs haben wir seit vielen Jahren im Programm, dass uns auch etwas der Abstand dazu fehlt. Man weiß um deren Wirkung. Ein energetischer Song muss ja nicht plötzlich langweilig werden, nur weil man ihn auf einer Akustikgitarre spielt.
VRR: Könnt ihr euch vorstellen, künftig auch bei euren normalen Tourneen ein festes Akustikset einzubauen, vielleicht als ruhigeren Block mitten in einer großen Show? Oder soll TRANQUILO II ganz bewusst etwas Eigenständiges bleiben, das nur dann hervorgeholt wird, wenn ihr wirklich komplett in diese besondere Atmosphäre eintauchen wollt?
Kay: Wir hatten darüber schon einmal nachgedacht, haben die Idee aber schnell wieder verworfen. Zu unserem Jubiläum auf der Loreley im September des vergangenen Jahres haben wir an zwei Abenden ein kurzes Akustikset vor der Zugabe gespielt. Es war okay, aber die Atmosphäre war nicht stimmig. Ich glaube, dass so etwas auf einen Open Air schwer zu bewerkstelligen ist. In einer Halle ist das sicherlich noch etwas anderes, doch auch da hätten wir wohl Bauchschmerzen. Parkway Drive hat mich in einer Halle mal mit einem akustischen Set überzeugt, aber diese Idee ist wohl nicht auf jede Band übertragbar. Wir kommen ursprünglich von den Märkten, von kleinen Bühnen, auf denen es keinerlei Verstärkung gab. Wir trauern dieser Zeit zwar nicht hinterher, aber sie ist eben ein Teil unserer Geschichte. Von daher wird TRANQUILO wohl immer etwas Besonderes bleiben.
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Mein musikalischer Weg hat viele Abzweigungen. Von Mittelalter über diverse Subgenres des Metals, bis hin über die Tiefen des Rocks. Geprägt von den Onkelz, In Extremo und Rammstein führt heute kein Weg mehr an In Flames, Parkway Drive und Machine Head vorbei.








