COR – vergessen und verstaubt – nicht mit uns!
Irgendwo zwischen Hardcore und Punk einzuordnen, beschreibt COR ihren Stil selbst als Trashrock. Zumindest bis Mitte 2023. Denn danach war nach über 20 Jahren Schluss. Nach 13 Alben, eines davon als Split mit den noch aktiven Crushing Caspers und einer DVD, hieß es auf der Webseite, die immer noch aktiv ist: „Wir haben uns aufgelöst. Es war eine gute Zeit und wir sagen danke an alle, die uns supportet und begleitet haben, in welcher Form auch immer. COR Trashrock
FREISTIL, KAMPFSTIL, LEBENSSTIL war das 2005 veröffentlichte Album, dass es heute in unsere Kategorie geschafft hat. Viel Vergnügen.

Denkbar räudig
Und unverhofft unkompliziert und gerade so anständig produziert ertönen die ersten beiden Tracks. „Freaks“ und „Was von mir“ sind eine klare Ansage zur Band und zeigen klare Kante gegen den Mainstream der Möchtegern Punks, die lieber mit nagelneuen Chucks herumlaufen als mit zerfetzten Boots. Hier sind mit Sicherheit schon die ersten ausgestiegen. Wer dran bleibt wird sich freuen. Denn COR dreht weiter auf, zeigt bessere Koordination und musikalisches Know-how, inklusive politisch- und sozialkritische Texte mit Sinn und Verstand. Den ersten Beleg dazu liefert „White Trash“. Der Song ist eine Ansage an unsere, immer mehr anwachsende angespannte Situation in der Gesellschaft. 2005 war es schon ein Riesenthema. Denn die Verlierer dabei sind die Schwachen der Gesellschaft, auf denen alles abgeladen wird.
Deutlicher kann man keine Ansagen treffen

In „Körpereinsatz“ fordert die Band vom Oberdeck zum Tanz auf. Plakativ, dennoch wirksam klingen Textbruchstücke wie: „Straßenköter Tanzkultur“ oder „Dieser Sound ist waffenscheinpflichtig“. An dieser Stelle muss eindringlich davor gewarnt werden, das Album nur einmalig zu hören.
Textverständnis und die Liebe zur Musik ohne dreimal drübergelegte Spuren sind Voraussetzung für den Genuss. „Respekt“ macht mich glücklich und kann grundsätzlich von jeder gleichgerichteten Band gecovert werden. Dasselbe gilt für „Nichts gesehen“ aus. Thematisiert wird Gewalt gegen Frauen, Fremdenfeindlichkeit, Apathie und Ignoranz. Die beiden letzten Strophen könnten als Verweis auf vergangene rechtsextreme Geschehnisse hindeuten. Hier heißt es: „Vor dem Block stehen viele Leute, die glotzen bloß, wenn fremde Häuser brennen.“ Für mich ein klarer Beweis, dass auf das 1992 in Rostock brennende Asylbewerberheim Anspielung genommen wird. Im Stilwechsel aus CROWBAR und Suicidal Tenmdencies kommt, kurz und knapp, der Titeltrack daher. Punkt. Spannender Abwechslungsreicher wird es mit „Cor und Rock“. Diesmal ohne auch nur einen Hauch von politischem Wissen haben zu müssen, kann man das Teil genießen. Rock `n` Roll in purer Form mit ordentlich Bums.
Viel Politik

Damit muss man Leben, wenn man sich das Album zieht. Das Thema Politik steht an vorderster Front und wird in regelmäßigen Abständen polarisiert. So auch in „Regierungserklärung“. Ehrlich, sarkastisch und prägnant, feuert COR lebensbedrohliche Textsalven, Richtung Machthaber ab. Mit 5:40 Minuten ist „Hör auf Cor“ der längste Titel. Er ist fast doppelt so lang, als jeder andere. Er ist auch der Dramatischste. Düster und bedrückend wird Bezug auf den Bandnamen genommen. Cor, aus dem italienischen poetisch übersetzt, bedeutet er Herz. So fordert COR theatralisch und mit fiesen Doom Metal Elementen auf, an sich selbst zu glauben.
Den Besten, aber am schlechtesten aufgespielten Song gibt es als Rausschmeißer. Hier versagten einfach die Aufnahmegeräte am Konzert. Es ist ein Live-Track: „Farben“. Ein ganz normales Lied über normale Menschen, die ganz normale Jobs haben, alltägliche Sachen erledigen und alltägliche Probleme und Situationen bewältigen. So wie jeder. Nur eben, dass sie tätowiert sind: „Weil meine Farben niemals verblassen.“ Der macht sich als Albumbeendigung auch wirklich gut. Der Song steuert komplett gegensätzlich zum gesamten Album und entzerrt ein wenig den politisch tiefgründigen Hintergrund der Platte.
Fazit

Ich kann hier keine Rückschlüsse auf vorrangegangene oder später veröffentlichte Alben der Band nehmen. Was 2005 zählte war die Attitüde, die dahintersteckte. Stellung mit Musik zu beziehen, die aneckte und weit vom Mainstream entfernt war. Musik, die politisch klar geprägt und mit verständlichen Aussagen und Parolen bestückt war. Ein kleiner Aufschrei gegen den Pop-Punk und dem aufkeimenden Rechtsruck. Ihr letztes Album GOTT DER MÖGLICHKEITEN erschien am 26. August 2022. Eine Art Konzeptalbum. Generell weit ab vom besprochenen Album. Aus diesem Grund knallen wir euch das hier vor die Füße:
4 von 5
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Crew | Redakteur
Mit Baujahr 1976 nicht mehr so ganz jung, bin ich im Herzen der Republik, in Anhalt aufgewachsen.
Mit 19 Jahren zog es mich nach Baden-Württemberg. Aufgewachsen mit Heavy Metal à la Metallica, Slayer und Kreator etc., pubertierte ich mit dem Punk, bis ich dann mit dem New York Hardcore erwachsen wurde. Es gilt: Ob Metal oder Punk, in deutsch oder englisch, Hauptsache mir gefällt´s.







