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Saitenfeuer – Jahresabschluss 2018 – Konzertbericht

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Nachts um 2 Uhr in Leipzig. Die letzten Gäste verlassen das Naumanns und machen sich auf den Heimweg. Die Musik ist aus, das Licht wieder an, die letzten Bier sind geleert und der Boden klebt von den vielen vergossenen Getränken. Es war schon ein heftiger Abriss, den rund dreihundert Rockliebhaber im Stadtteil Plagwitz in den vergangenen sechs Stunden durchlebten. Denn an diesem kalten Samstagabend lud das Quintett Saitenfeuer zum traditionellen Jahresabschluss. Doch das diese letzte Party des Jahres für die fünf Jungs nicht ganz normal werden sollte, zeigte sich mit der Facebook-Ankündigung am 3. November.

Aus dem Jahresabschluss wurde eine Abschiedsfeier auf unbestimmte Zeit und somit das letzte Konzert einer begabten Band, die in 10 Jahren Bandgeschichte nicht den Erfolg erreichte, den sie eigentlich verdient hatte. Dass der Abend aber nicht nur aus Traurigkeit und Melancholie überzogen werden sollte, war wohl jedem klar, der zuvor schon in den Genuss gekommen war, Saitenfeuer live zu erleben. Unterstützt wurden sie an diesem Abend von Weit aus Mehr und Venterra.

Der Startschuss fällt

Den Anfang des Abends machte das Zeitzer Trio Weit aus Mehr. Tatsächlich waren die Jungs mir zuvor noch nie über den Weg gelaufen – weder live noch aus der Konserve. Umso überraschter war ich als mir schon zu Beginn rockige Nummern mit einem Hauch von Blues und Hip-Hop (den ich in aller Regel meide, wie eine Katze das Wasser) um die Ohren flog. In dieser Kombination mit talentierten Gitarrenriffs und der rauen Stimme von Frontmann Max passten aber diese unterschiedlichen Einflüsse erstaunlich gut zusammen und boten dem Publikum einen erfrischenden Sound. Mit Charme und Witz eroberten sie spätestens mit der Nummer “Alle drei zusammen” die Herzen der Besucher, die sich endlich bewegen wollten. Mit einer Mischung aus eigenen Songs und einiger ordentlichen Cover, wie zum Beispiel “Purple Rain” gaben sie einen starken Einstieg in einen Abend, der sich stetig steigern sollte.

 Besuch aus Berlin

Schneller, lauter und rockiger wurden die Klänge bei dem Berliner Trio Venterra. Den Startschuss gab eine Konfettibombe und zeigte dem Publikum schnell was nun abgehen sollte. Guter-Laune-Punkrock vom Allerfeinsten aus der Bundeshauptstadt. Trotz technischer Pannen und einem nichtfunktionierenden Mikro von Bassist Johannes überzeugten die drei durch Power, Lebensfreude und schnelle Gitarrenriffs. Der Funke sprang schnell über – egal ob bei den Rockcovern von “Gummibären”, Wir sind Heldens “Denkmal”, Münchner Freiheits “Ohne dich” oder mit ihren eigenen Songs wie “Juten Tach”, “Sattgesehen an Dir” oder “Alles Gute für Dich”. Etwas melancholischer machte die Nachricht, dass der Gig des Abends auch das letzte Konzert für Bassist Johannes des Berliner Trios sein sollte. Nichtsdestotrotz oder genau deswegen holten sie nochmal alles raus und waren ein mehr als würdiger Support für Saitenfeuer.

Die Helden des Abends

Die Gäste waren aufgeheizt und bereit für die fünf sympathischen Jungs von Saitenfeuer. Mit einem guten Mix aus den letzten drei Alben verwöhnten sie die Hörer mit rockigen Stücken, schnellen Riffs aber auch gefühlvollen, akustisch gespielten Nummern. Die Hörerschaft dankte der Band indem sie lauthals mitgrölten bei den Refrains, ausgelassenen Pogorunden veranstalteten, der ein oder anderen Bierdusche und beständigen “Saitenfeuer, Saitenfeuer”-Rufen zwischen den Songs. Die Stimmung war am Brodeln und das ein oder andere Bandmitglied bekam feuchte Augen bei dem Fangesang “Oh wie ist das schön”. Aber alle waren zum Feiern und Trinken gekommen und das wurde auch reichlich getan. Zu “Auf und davon” durfte ein treuer Fan die Bühne entern und bei jeder Wiederholung des Liedtitels während des Songs einen Pfeffi in die Kehle ergießen. Ob er später den Weg allein nach Hause gefunden hat? Ich mag es bezweifeln. Neben der ganzen Party erhielt die Anhängerschaft jedoch auch einige nicht zufriedenstellende Antworten auf offene Fragen.

Wird es ein Wiedersehen geben? Das ist ungewiss. Als Erklärung für die bevorstehende Pause nannte Frontmann Carsten das eigene ausgebrannt sein. Das innere Feuer würde zurzeit nicht brennen, es gäbe kleinere Querelen innerhalb der Band. Man will die Auszeit für die Familie nutzen. Wie diese Zeit aussehen kann, erlebte man kurze Zeit später. Ben, der 14-jährige Sohn Carstens durfte die Bühne erobern und sein Können auf der Gitarre bei dem Song “Meine Art und Weise” unter Beweis stellen. Auch bei ihm habe er nicht alles richtig gemacht, erzählte Carsten bei der Ankündigung des Liedes. Aber Talent und die Liebe zur Musik scheint er auf alle Fälle seinem Spross mitgegeben zu haben. Die Stimmung steigerte sich stetig und eskalierte bei den Gassenhauern wie “Engel” oder “Das ist der Moment”. Schlussendlich stürmten noch Venterra die Bühne, bevor die Crowdsurfing-Fähigkeiten der anwesenden Rockgemeinde getestet wurden.

Ein fantastisch brutaler Abend ging zu Ende. Eine weitere schöne Erinnerung bleibt, verbunden mit der Hoffnung, dass es nicht das letzte Mal war, Saitenfeuer auf der Bühne gesehen zu haben. Die Hoffnung, dass die Pause eine Pause bleibt. Dass der Hinweis, man solle sich die Zahlenabfolge 06-06-20-20 gut merken, der allerdings nicht von der Band persönlich gegeben wurde, eine tiefere Bedeutung hat. Saitenfeuer – eine Band, mit extrem viel Talent und wahnsinnig guten Songs verabschiedet sich (vorerst) von der Bühne des Deutschrock. Wir ziehen unseren Hut, sagen “Danke und auf Wiedersehen!”

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