Die JZI Anröchte feierte am vergangenen Samstag 40-jähriges Jubiläum. Bei diesem Anlass ließen es sich die Veranstalter des Big Day Out-Festivals natürlich nicht nehmen, musikalisch ordentlich aufzutrumpfen. Die Namen Henning Wehland, Turbobier und Donots schmückten daher das Plakat der Veranstaltung. Mit den Gästen aus Ibbenbüren hatte man sich die Lokalmatadore zurück ins Sauerland geholt und verzichtete mit den Österreichern von Turbobier auch nicht auf internationale Punkrockklänge.

Sauerland: Dunkle Wälder, viele Kühe, Schützenfeste und leckeres Bier. Und Punkrock? Ja tatsächlich! Was sich für so manchen Sauerländer eher ungewöhnlich anhört, wurde Samstag süße Realität. Die Ersten, die den Musikliebhabern und eingefleischten Fans dabei ihre Klampfenmusik um die Ohren schmettern durften, war das Wiener Quartett der Turbos. Gleich zu Beginn versuchte man mit „Feuerwehrfestl“, eine Bindung zum Publikum aufzubauen. Lobhymnen auf die Feuerwehr? Die Jungs scheinen begriffen zu haben, wie man das Rockvolk vom Land begeistern kann. Auch, wenn der eine oder andere noch etwas schüchtern wirkte, lockerten sich die Muskeln schon kurze Zeit später.

Auf „I hoss olle Leit“ galt es zu tanzen, zu Deutsch übrigens „Ich hasse alle Leute“. Die Burschen auf der Bühne allerdings waren nicht zum Hassen bestimmt, ganz im Gegenteil. Einen weiteren Pluspunkt nämlich konnten die Österreicher durch ihre offen bekundete Liebe zum Bier sammeln. Nach Vorstellung ihrer eigens geschriebenen „Bierbel“, wusste jeder im Saal, an welche flüssigen Gebote man sich an diesem Abend zu halten hatte. Wer weiß, vielleicht hat ihre Partei, die „Bierpartei Österreichs“ in den nächsten Wochen ja ein paar neue Mitgliedschaften zu verkünden…

Der Gerstensaft jedenfalls schien zu wirken, erste pogoartige Tanzversuche waren beim Publikum zu beobachten. Noch mehr freut sich der allgemeine Besucher, wenn er zum Mitsingen eingeladen wird, sei es auch nur einfaches „ba ba ba ba ba“ während des Hits „Verliebt in einen Kiwara“. Gab es auch durchaus sprachliche Barrikaden, die dem Wiener Akzent geschuldet waren, wurden diese schnell durch guten Punkrock eingerissen. Nicht nur die Leut´ auf der Bühne hatten sichtlich Spaß, auch so manchem Besucher konnte man ein dickes Lächeln vom Gesicht ablesen. Auftrag erfüllt!

Die zweite Spielzeit des Abends durfte Henning Wehland in Anspruch nehmen. Bekannt ist er unter anderem als Sänger der H-Blockx oder Jurymitglied in der Castingshow „The Voice Kids“. Auch Wehland hatte wie immer rockigere Töne im Gepäck, unter anderem von seinem letzten Studioalbum „Der Letzte an der Bar“. Angesprochen fühlte sich vor allem das gemäßigtere Publikum, das doch in beachtlicher Anzahl das Tanzbein schwang. Auch wenn man diesen Herrn eher nicht in einer meiner Playlists wiederfinden würde, hatte er doch auch seine guten Seiten. Ich konnte entspannen, ein paar kühle Bierchen schlürfen und mich mental auf die Donotbande einstellen. Zwischendurch wurde ich sogar aus meiner Meditierphase gerissen, der gute alte Wehland coverte doch tatsächlich „Immer weiter geh´n“ von den Strassenjungs! Und hey, ein bisschen Abwechslung von bekannten Punkklängen darf es ja ruhig mal ab und zu geben, oder?

Aber bevor die Glieder lahm wurden, kam es zum Highlight des Abends: Die Donots betraten die Bühne. Intro, erster Song und zack, springt und pogt plötzlich die gesamte Menge. Nun endlich kochte die Stimmung, der schweiß lief von der Stirn. In Anröchte weiß man eins mittlerweile sehr gut: Bestellt man die Donots, ist die Party garantiert! Nach vielen Jahren Big Day Out Erfahrung hat sich die Bands zu einer der Lieblinge des Anröchter Publikums entwickelte. Und das zeigte die Menge: Die ersten Circle Pits bei „Dead Man Walking“, Crowdsurfer über den Köpfen. Wie auch sonst wurde ein paar Rhythmen später der „Kaputt“-Pit Anführer ausgewählt. Rund ging die wilde Reise, inmitten der Menge Sänger Ingo. Scheu vor dem Publikum? Nicht mit den Donots. Die Nähe zu den Fans ließ auch das Konzert am vergangenen Samstag wieder zu einem einzigen Familienfest werden, alles beim Alten also.

Mit im Gepäck hatte man außerdem so manchen Mittelfinger, gewidmet den braunen Hirnen, die durch die Straßen ziehen und versuchen, das Volk aufzuhetzen. Dass diese Botschaften in Anröchte wohl noch keinen Anklang fanden, konnte man unschwer an den hunderten „Stinkefingern“ erkennen, die sich gen Himmel reckten. „Dann ohne mich“ und „Rauschen“, Zeichen setzen ist immer wichtig, eine Selbstverständlichkeit für die Jungs aus Ibbtown City, schon vor vielen Jahren, Samstag und auch in Zukunft.

Aber genug der trüben Gedanken, widmen wir uns wieder dem Tagesgeschäft, kurz Abriss genannt. Auch möglich in der englischen Variante, mit Namen „We´re Not Gonna Take it“. Viertelnoten auf der Cowbell, der Puls noch um ein Vielfaches schneller. Für mich persönlich immer wieder eines der Highlights jeder Show, langweilig wird es nicht, auch wenn man es schon an die tausend Male gehört hat. Nach den aufreibenden Schlussminuten kam die Entspannung beim offiziell letzten Song „So long“ relativ gelegen. Die Menge holte noch einmal tief Luft, um den Donots-Klassiker auch ohne Frank Turner zum Besten zu geben.

Vorbei sollte es danach trotzdem nicht sein. Mit Akustikgitarre und der blanken Stimme bewaffnet, machten sich Guido und Ingo auf in die Menge, die zuvor lauthals um Zugabe bat. „Hansaring“ hieß es zum Schluss, der Song, der einen nahezu perfekten Abend abrundete. Immer wieder gerne mit euch, liebe Donots!