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Was ist eigentlich ein Deutschrock-Fan?

Immer diese Schubladen

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„Also das hätte ich von DIR ja jetzt nicht erwartet! Was ist nur in dich gefahren?“ Das war die Reaktion eines Kommilitonen, als ich ihm vor 2 Jahren nebenbei erzählte, ich würde ein Frei.Wild-Konzert in Freiburg besuchen. Das Entsetzen stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben und das Ganze mündete in einem fast zweistündigen Vortrag über Deutschrock, der mit jeder Menge Vorurteile gespickt war. Neben mir saß eine sehr gute, marokkanische Freundin, die, wie ich, nicht ganz verstand, wo jetzt eigentlich das Problem war.

Von eben diesem Konzert brachte ich mir ein Poster mit nach Hause, das vor kurzem bei einem Bekannten zu der Frage führte, ob ich Hilfe bräuchte und in falsche Kreise geraten sei. Auch hierbei ging es wieder nicht nur um die Band, sondern um die Musikrichtung im Allgemeinen und den Stereotypen des „Deutschrockers“. Ich lasse die Leute normalerweise erst einmal beschreiben, wie sie sich diesen vorstellen, bevor ich sie ganz ruhig ansehe und frage: „Und so siehst du mich?“. Natürlich verneinen sie mir das. Alle anderen sind so, ich bin in ihren Augen die Ausnahme, die da irgendwie reingeschlittert ist.

Das bringt mich zu der Frage, wie die Spezies „Deutschrocker“ oder „Deutschrock-Fan“ denn eigentlich auszusehen hat, bzw. welche Merkmale Deutschrock der allgemeinen Meinung nach normalerweise aufweist. Ich habe hier die gängigsten Vorurteile, die mir gegenüber geäußert wurden, für euch zusammengefasst und dem Ganzen meine persönlichen Erfahrungen entgegengesetzt.

1) „Deutschrock steht für rechtsradikales Gedankengut“

Nein. Wäre das so, würde zumindest ich es mir nicht anhören und ich weiß, dass es vielen anderen genau so geht. Es ist einfach nur Rockmusik in unserer Muttersprache. Dieses Argument ist der Schlag ins Gesicht jedes Deutschrockfans und leider auch das, womit wir leben müssen. Es gibt Musiker mit einer entsprechenden Vergangenheit, die sich aber von dieser distanzieren. Der W unterstützt zum Beispiel ein Schulprojekt gegen Rassismus. Außer der Vergangenheit einzelner Musiker konnte mir noch niemand wirklich überzeugende Argumente, wie zum Beispiel Textbelege liefern. Wenn man einen Text unter der Prämisse liest, er sei völkisch, wird man natürlich immer passende Passagen finden, die bei genauerem Hinsehen allerdings entkräftet werden können. Was die Nazis auf Deutschrockkonzerten angeht – ich habe noch keinen bewusst wahrgenommen. Vermutlich gibt es sie vereinzelt, aber das kann man sicher auch von Schlagerkonzerten oder Ähnlichem sagen.

2) „Das sind alles rücksichtslose Rüpel, die sich nicht drum kümmern, wie es ihren Mitmenschen geht.“

Diese Aussage bringt mich immer zum Lachen.  Ich habe selten Menschen getroffen, die so aufeinander aufpassen, wie man sie auf Deutschrockkonzerten trifft. Und vielleicht sieht Pogo ja aggressiv aus, aber wenn ich im echten Leben hinfalle, hilft mir normalerweise niemand auf die Beine – im Pogo schon.

3) „Das hört sich alles gleich an.“

Es gibt eine Vielzahl verschiedener Bands, die auch alle ihren eigenen Stil haben oder verschiedene Instrumente benutzen. Wer z.B. behauptet, dass sich Hämatom anhören wie Unantastbar, hat definitiv ein Problem mit seinen Ohren. Deutschrock sagt ja eigentlich nur, dass es sich um deutschsprachige Rockmusik handelt und die hat viele Facetten.

4) „Die sind intolerant und grenzen andere aus.“

Wer das sagt, macht sich eigentlich gerade seines eigenen Vorwurfs schuldig. Im Deutschrock wird nicht mehr oder weniger ausgegrenzt, als in anderen Bereichen auch. Fakt ist aber, wer Deutschrock hört, weiß, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden und wird das deshalb anderen nicht antun wollen. Und es gibt auch ganz tolle Gegenbeispiele, wie zum Beispiel den Auftritt der gehörlosen Cindy Klink die bei RDL 2019 Texte auf der Bühne in Gebärdensprache übersetzte.

5) „Die sind alle blöd“

Nein. Mehr brauche ich eigentlich nicht zu sagen. Hört euch die Texte der Bands an. Wer so was schreibt, kann nicht blöd sein. Und da man bei Fans und Musikern alle Gesellschaftsschichten antrifft, kann man auch hier nichts verallgemeinern.

Fazit:

Schubladen sind toll, um Ordnung zu halten. Das sehe ich auch so – bei Schränken. Wer aber Menschen kategorisiert, sollte sich überlegen, ob er wirklich so weltoffen und tolerant ist, wie er gerne glauben möchte. Wer Deutschrock hört, sagt damit nichts über seinen Charakter oder seine politische Gesinnung aus, sondern nur über seinen Musikgeschmack. Denn letztlich geht es um nichts anderes – es geht um Musik – die ist vielseitig und nicht jeder hat dabei die gleichen Vorlieben. Und das ist auch gut so!

Katrin Albrecht
Katrin Albrecht
Über mich: Ich, 37 Jahre alt, bin wie die meisten hier mit der Musik von „Die Toten Hosen“ und „Die Ärzte“ groß geworden. Mein erstes Rock-Konzert (von Unantastbar) besuchte ich dann aber trotzdem erst vor zwei Jahren. Da mich bei diesem Konzert das Fieber gepackt hat, trifft man mich seitdem immer wieder auf Konzerten an – ich hab ja so viel nachzuholen! Das ist mein Ausgleich zu meinem Alltag mit Studium (auch spät angefangen) und Seniorenbetreuung. Mein Motto: Besser spät, als nie!
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