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Sexismus und Thematisierung sexueller Übergriffe in deutschen Rocksongs

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Sexismus und sexualisierte Gewalt sind wichtige Themen, die leider viel zu oft totgeschwiegen werden.  Erschreckend, aber leider wahr ist, dass fast die Hälfte aller Frauen in Deutschland schon einmal sexuell belästigt wurden. Die Tabuisierung der Thematik führt leider auch dazu, dass die Opfer sich schämen und deshalb still und unbemerkt leiden. Durch das 15 Minuten-Video von Joko und Klaas ist das Thema aus dem Schatten ins Licht gerückt und plötzlich in aller Munde. Aus diesem Anlass haben wir uns unsere eigenen Gedanken gemacht, wie sich die Thematik in der eher männerdominierten Welt der deutschsprachigen Rockmusik niederschlägt.

Frauen als Objekte

Man kann natürlich nicht leugnen, dass es Texte gibt, die bestimmte Klischees bedienen und in denen Frauen als berechnende Wesen dargestellt werden, die ihre Körper nutzen, um sich damit gewisse Vorteile zu verschaffen. Ebenso häufig findet man auch das Motiv der unschuldigen, möglicherweise noch jungfräulichen Schönheit, die auf sexuelle Weise auf die böse Seite gezogen wird. Diese Stereotypen sagen meiner Meinung nach nichts über den Charakter der Bands aus, sondern fallen eher in die Kategorie „typische literarische Motive“. Einige Bands spielen auch mit den Klischees, wie zum Beispiel Frei.Wild in „Weil du mich nur verarscht hast“. Hier werden zwar anfangs berechnende, untreue Frauen beschrieben, aber am Ende schlägt ironischerweise das Karma zu, weil das supersexy Model dem Erzähler-Ich das Mobbing aus der Kindheit nicht verziehen hat.

Neben den klischeehaften Frauenbeschreibungen gibt es aber auch ein paar Beispiele namhafter Bands, die sich mit der Thematik sexueller Übergriffe beschäftigen. Es sind erschreckend wenige, was möglicherweise daran liegen könnte, dass es sich um ein Tabuthema handelt und es schwierig sein kann, die richtigen Worte zu finden.

Sexueller Missbrauch aus Sicht des Opfers

„Viel zu jung“ von Böhse Onkelz widmet sich dem Thema des sexuellen Missbrauchs in der eigenen Familie mit verstörender Deutlichkeit. Dabei wird vor allem die Sichtweise des Opfers, dessen Ekel, Scham und Angst beschrieben. Laut Kriminalstatistiken sind rund eine Million Kinder in Deutschland Opfer sexuellen Missbrauchs, wobei ein Großteil der Übergriffe durch Verwandte stattfindet. Dazu ist allerdings noch zu sagen, dass die Dunkelziffer vermutlich noch höher ist, da viele Opfer aus Angst und Scham schweigen.

Auch der Song „Böser Wolf“ von den Toten Hosen befasst sich mit sexuellem Missbrauch an Kindern. Er ist dabei allerdings etwas weniger deutlich als „Viel zu jung“, sondern nutzt starke Metaphern, um die Situation darzustellen. Auch hier stehen die Gefühle des Opfers und die Auswirkungen auf sein weiteres Leben im Fokus.

Opfer stärken

Während es in den bisher erwähnten Songs um Kinder geht, die Opfer sexueller Gewalt werden, sprechen Frei.Wild in „Schrei auf!“ auch Erwachsene an und rufen sie dazu auf, die Tat nicht den Rest des Lebens bestimmen zu lassen: „Schrei auf, lass los und schrei‘s laut. Zulange wurdest du schon deiner Würde beraubt“. Die Botschaft an die Opfer ist also, nicht alleine in Scham und Angst zu versinken, sondern darüber zu reden und so die Kontrolle über das eigene Leben wieder zurück zu erlangen.

Sex = Liebe?

Massendefekt beschreiben in „Tagebuch“ eine subtilere Art von Gewalt. Es geht um eine (junge) Frau, die jemanden (vermutlich) im Internet kennenlernt und der anfangs noch nett ist. Doch dann wendet sich das Blatt und sie schreibt in ihr Tagebuch: „Ich hab‘ erfahr‘n, dass er mich gar nicht mag. War er diesmal gar kein bisschen nett, von Liebe keine Spur.“ Im weiteren Text heißt es: „Sie war noch nicht bereit für seine Zweisamkeit“. Man kann also davon ausgehen, dass der Mann, nachdem er ihr erst die große Liebe vorgespielt hat, dann doch nur Sex wollte.

Auch „Lust“ von Dritte Wahl thematisiert das Ausnutzen tieferer Gefühle durch einen Mann, der nur seinen Spaß haben will. Der Text erzählt aus der Perspektive des Mannes: „Ob es richtig ist, was ich gerade mit dir mach, weiß ich nicht und ich denke auch nicht mehr drüber nach.“ Auch wenn das hier beschriebene Handeln kein Verbrechen ist, bleibt es dennoch moralisch verwerflich und vor allem sehr schmerzlich für die Frau.

Die Hölle im eigenen Heim

In „Geliebtes Monster“ vom neuen Album von Wiens No. 1 geht es zwar nicht um sexuelle, sondern um häusliche Gewalt, aber weil Frauen häufiger davon betroffen sind als Männer und die Opfer meist aus Scham schweigen, sodass dieses Thema viel zu selten Beachtung findet, möchte ich dieses Lied der Vollständigkeit halber hier auch noch erwähnen. Es erzählt eindringlich, wie ein geliebter Mensch sich nach und nach in ein Monster verwandelt und der erträumte Himmel zur Hölle auf Erden wird. Wiens No. 1 setzen sich dabei stark mit den Gefühlen und Gedanken der Betroffenen auseinander, die zwar leiden, aber oft nicht die Kraft oder den Mut haben, sich alleine aus der Situation zu lösen.

Fazit:

Frauen werden im deutschen Rock zwar oft auf Klischees und körperliche Attribute reduziert, aber es gibt auch Bands, die Flagge zeigen und sich mit Tabuthemen wie sexuellem Missbrauch, sexueller Gewalt oder emotionaler Erpressung auseinandersetzen. Da diese Themen in unserer Gesellschaft oft totgeschwiegen werden, ziehe ich meinen Hut vor jedem, der sich für die Opfer stark macht und ihnen dadurch zeigt, dass sie nicht alleine sind. Dadurch wird hoffentlich die eine oder andere Betroffene den Mut finden, Angst und Scham zu überwinden, sich bei entsprechenden Stellen Hilfe zu holen und so die Kontrolle über ihr eigenes Leben zurückgewinnen.

Katrin Albrecht
Katrin Albrecht
Über mich: Ich, 37 Jahre alt, bin wie die meisten hier mit der Musik von „Die Toten Hosen“ und „Die Ärzte“ groß geworden. Mein erstes Rock-Konzert (von Unantastbar) besuchte ich dann aber trotzdem erst vor zwei Jahren. Da mich bei diesem Konzert das Fieber gepackt hat, trifft man mich seitdem immer wieder auf Konzerten an – ich hab ja so viel nachzuholen! Das ist mein Ausgleich zu meinem Alltag mit Studium (auch spät angefangen) und Seniorenbetreuung. Mein Motto: Besser spät, als nie!
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