Ein musikalischer Safe Space – Palebloom im Interview

Foto: Larissa Duh

Die Band Palebloom aus dem schönen Köln steht eher weniger für Karneval, sondern für jede Menge Gefühl. Ende 2024 hat sich die Post-Hardcore Band mit Pop-Punk Einflüssen zusammengefunden. Die junge Band hat sich in einer Zeit zwischen KI-Musik und Streamingdiensten gegründet und steht dennoch mit voller Leidenschaft hinter ihrer ehrlichen, handgemachten Musik. Wir haben der Band mit ein paar Fragen auf den Zahn gefühlt.

Zwischen Schwarz und Weiß

VRR: Euer Bandname klingt schon fast wie ein Gemälde, welches man im Louvre nur als Kenner entdeckt. Wie kam es zu diesem Bandnamen? Steckt eine tiefere Bedeutung dahinter?

Palebloom: Uns war wichtig, dass jede*r direkt einen Vibe verspürt, wenn sie oder er den Namen liest. Wir wollten inhaltlich gerne etwas scheinbar Gegensätzliches zusammenzubringen, um eine gewisse Ironie darzustellen. Uns als Menschen, aber auch unsere Musik und unsere Texte zeichnet eigentlich genau das aus: große, gesellschaftsrelevante Themen heruntergebrochen auf persönliche, manchmal auch ironisch beschriebene Erlebnisse. Wir sind riesige Fans davon, Themen nicht in schwarz-weiß zu denken, sondern alle Seiten zu beleuchten und sich auch einzugestehen, dass man damit einfach überfordert ist. Und das darf sich dann auch einmal scheiße anfühlen.

VRR: Bisher habt ihr nur Singles veröffentlicht, ist ein Album denkbar oder gar bereits in Arbeit?

Palebloom: Wir sind absolute Fans von Konzept-EPs und -Alben, deshalb ist es auch kein Geheimnis, dass wir nicht für immer Singles releasen wollen. Wir stecken auch schon in den Vorbereitungen, aber ein genaues Datum können wir da leider noch nicht nennen. Was wir aber sagen können, ist, dass wir bis dahin sicher niemanden verdursten lassen und noch den ein oder anderen Song releasen werden.

VRR: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Lifespark und zu dem Titel „Fingers Crossed“?

Palebloom: Lifespark sind schon lange sehr gute Freunde von uns und wir verfolgen und supporten sie auch schon seit ein paar Jahren. Da war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass es da eine Zusammenarbeit geben wird.

Zwischen KI-Trend und Streamingdiensten 

VRR: Ihr habt euch im Jahr 2024 nach Corona gegründet. Als Musiker Fuß zu fassen ist immer schwieriger. Denkt ihr, es wird in Zukunft keine professionellen Bands mehr geben?

Palebloom: Ich glaube nicht, dass es keine professionellen Bands mehr geben wird, ich kann mir nur vorstellen, dass die Schere zwischen lokalen Bands und den großen Bands weiter auseinander gehen wird. Quasi ein Spiegel der Gesellschaft.

VRR: KI-Musik wird immer mehr zum Trend, man kann mit wenigen Tasten einen kompletten Song erstellen. Ihr macht dagegen noch handgemachte, ehrliche Musik. Was haltet ihr von diesem Trend und was macht euch im Vergleich zur KI gemachten Musik besonders?

Palebloom: Puh, schwer zu sagen. Wir sind prinzipiell Fans davon, Innovationen als Fortschritte zu sehen und sie nicht weg zu ignorieren, nur weil noch keiner so wirklich weiß, wie man sie ethisch sinnvoll einsetzt, weil einen niemand als Gesellschaft darauf vorbereitet hat. Ich glaube, wir halten generell viel zu sehr an Althergebrachtem fest. Das, gepaart mit einem System, in dem Menschen für Geld gegeneinander aufgebracht werden, führt leider dazu, dass Innovation oft missbraucht wird. So wie es auch gerade massenweise der Fall ist.

Unsere Musik unterscheidet sich von der KI dadurch, dass sie nicht so ist, wie sie im Rahmen von wirtschaftlichen Faktoren in der Musikbranche sein sollte. Also nicht so, wie man sie erstellt hätte. Wir funktionieren als Menschen so auch nicht. Natürlich hätte man gerne oft mehr Kontrolle über sich und seine Emotionen, weil es das Leben in unserer Gesellschaft leichter machen würde. Aber für alles Zwischenmenschliche und das wirklich Wichtige ist es ja unumgänglich diese Emotionen zuzulassen. Dieser Konflikt von Kontrollbedürfnis und -verlust führt dann oft zu einem Chaos, das man nicht planen kann. Das ist es, was uns von der KI unterscheidet

VRR: In der heutigen Zeit ist das Kaufen von physischen Platten nur noch etwas für Sammler und die Musik läuft zu 90 Prozent über Streamingdienste. Ihr selbst seid auf einigen Streamingdiensten zu finden. Wenn ihr den Aufwand der Produktion und des Songwriting etc. mit dem Verdienst aus so einem Streamingportal vergleicht, findet ihr das fair? Oder seht ihr die Streamingdienste eher als zusätzlichen Gewinn von neuen Fans oder Hörern?

Palebloom: Ich glaube, weder noch. Ich finde, die Streamingdienste sind eine Brücke zwischen der Musik, die wir produzieren und den Fans. Von der Vorstellung, dass man übers Streaming wirklich etwas verdient, haben wir uns ohnehin schon längst verabschiedet. So ist halt die Entwicklung, die in der Musik im Rahmen der Digitalisierung stattgefunden hat, in Zusammenspiel mit dem Stellenwert, den Kunst und Kultur in dieser Gesellschaft einnimmt. Solange Kunst daran gemessen und entlohnt wird, wie sie dem wirtschaftlichen System dienlich ist, so lange werden Artists ausgebeutet werden. Dennoch ist es aber wichtig, sich den Streaminganbieter genau anzuschauen, den man nutzt, weil es auch hier echt große ethische Unterschiede gibt. Das ist echt ein Fass ohne Boden.

Wir versuchen uns bei dem Thema eher auf das Positive zu konzentrieren und das ist, dass wir das Privileg haben, unserer Musik nachgehen zu können und dass Menschen es sich leisten können, unsere Musik zu erwerben. Außerdem geht der Trend durch die zunehmende Anonymisierung von Musik durch KI und Digitalisierung aber gerade auch wieder krass in die andere Richtung, so zumindest unser Gefühl. Es haben immer mehr Menschen wieder einen Plattenspieler, kaufen Vinyls und kommen zu Konzerten. Das ist schön zu sehen und das ist es, was uns am Ende des Tages wirklich hilft.

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Foto: Larissa Duh

Einfach mal der grauen Welt entfliehen

VRR: Zu welchen Lebenslagen würdet ihr selbst eure Musik empfehlen?

Palebloom: Ich denke, unsere Musik ist perfekt für Menschen geeignet, deren das Wohl anderer sehr wichtig ist. Und dabei ihr eigenes Etwas aus den Augen verloren haben, weil sie sich überfordert und überwältigt fühlen vom aktuellen Weltgeschehen, dem Klimawandel, von politischen Entscheidungen und von Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Das kann alles sehr frustrierend sein und sich unendlich schwer anfühlen, weil man so viel tut (und sei es nur gedanklich) und man trotzdem nicht alles in der Hand hat. Unsere Musik soll ein Zufluchtsort sein, an den man sich retten kann. Quasi ein Safe Space, nur ohne das Verdrängen oder Beschönigen von Gefühlen.

VRR: Wie wäre euer Wunsch für die Zukunft und wo seht ihr euch in fünf Jahren?

Palebloom: Wir sind jetzt schon super happy über die Community, die wir aufgebaut haben und über die Bands, mit denen wir schon die Bühne teilen durften und dürfen. Der größte Wunsch ist, dass das so bleibt und vielleicht auch, dass wir mal die Bühne mit Bands teilen, die uns geprägt haben oder uns seit vielen Jahren als Hörerinnen begleiten. Und dass wir weiter unserer Musik nachgehen können. Es ist für Musikerinnen heute nicht mehr so leicht, weiter voranzukommen. Wir sind uns bewusst, dass wir privilegiert sind, dass überhaupt alles tun zu können. Aber das alles neben einem normalen Job zu tun, erfordert schon sehr viel Energie und lässt kaum Zeit zum Durchatmen. Es ist auch Teil der Wahrheit, dass man manchmal am Ende der Kräfte ist. Der Spaß an der Sache und die Menschen, die wir auf Konzerten treffen, sind da aber unser eindeutiger Antrieb, das alles weiter so zu machen.

Redaktionell verantwortlich für diesen Artikel:

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Crew | Redaktion | Fotografin

Als Nachwende-Kind '95 geboren, bin ich im Herzen dennoch ein kleiner Ossi. Zum Deutschrock kam ich 2009 eher durch Zufall. Heute höre ich eine bunte Mischung von Punkrock bis Metalcore. Meistens trifft man mich jedoch bei den kleineren Bands. Seit 2019 schreibe ich für VRR und seit 2022 begleitet mich meine Kamera Berta. Mein Lebensmotto ist „Das Leben muss rocken!“

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