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Sündflut im Interview – Kontrovers und direkt!

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Stellt Euch doch bitte kurz vor, für die Leser, die Euch noch nicht kennen.

Manu: Es gibt keinen Leser, der uns noch nicht kennt. (lacht) Nein, wir sind eine deutschsprachige Punkrockband aus dem Reutlinger Raum und schlagen schon ein paar Jahre lang mehr oder minder erfolgreich in den Clubs im bisher deutschsprachigen Raum auf. Allerdings war jede Show, ob vor einer Person oder vor Hunderten, immer eine fette Party.

Wie und wann habt Ihr als Band zusammengefunden?

Marci: Manu und ich machen den Scheiß schon seit 2005/2006 als wir von der vormaligen Besetzung damals als blutige Anfänger als Nachfolger für damals ausgestiegene Mitglieder gecastet wurden. Das war am Anfang eigentlich ganz witzig, wir haben in dem vermoderten, permanent durch Hochwasser gefährdeten Keller geprobt und eigentlich die ersten 7-8 Jahre mit Ausnahme des jährlichen Heimspiels in unserem Kuhdorf wenig Bühnenlicht gesehen.

Warum eigentlich nicht?

Manu: Marci musste halt sein Instrument lernen und ich habe in der Zeit auch irgendwas getan. Ich habe mich an eigener Lyrik, also Songtexten, versucht und auch Gitarre gelernt. Die Gitarristenstellen waren ohnehin alle besetzt. Ich habe immer ein Instrument benötigt, um den ungeraden Gesang bei der Vorführung neuester Ideen vor der Band zu vertuschen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und um auf die Frage einzugehen: Wir probten immerhin in einer Kneipe… klar, dass man da manchmal schon gar nicht bis zum Kellerabgang gekommen ist. Gute Gespräche am Tresen, die die Welt verändern, sind ja auch wichtig. An unserer Eloquenz an Bierständen und Tresen hat sich bis heute nicht viel geändert.

Diese Frage ist speziell an Dich gerichtet, Stephie.

Stephie, Du bist eine von wenigen Frauen in der doch noch recht männlich dominierten Deutschrockszene. Über welche Erfahrungen kannst Du berichten?

Stephie: Ja, wo sind eigentlich all die Typen hin? Die Männer sind entweder extrem locker oder aber konservativ verstockt, sodass sie meinen teils doch schwer zugänglichen Humor nur bedingt verstehen können und wollen. Bei manchen habe ich das Gefühl, dass sie ein sehr veraltetes, sogenanntes traditionelles Rollenbild der Frau im Kopf haben. (Tobi denkt nach)

Als Musiker ist man bekanntlich viel unterwegs. Proben, Studio und Liveauftritte! Wie bekommt Ihr die Musik und Euer Privatleben unter einen Hut?

Tobi: Ich habe kein Privatleben. (lacht) Ich glaube, viele Leute unterschätzen diesen Punkt auch bei Bands, die eben bisher nicht den großen Durchbruch hatten. Natürlich macht man das gerne und man lebt auch dafür. Dennoch stresst es einen schon gelegentlich. Immer die gleichen Fressen, immer die gleichen Angewohnheiten und Eigenarten. Das sieht dann im Backstage oder im Bus/Auto so aus, dass man sich gerne in die Luft jagen könnte, stundenlang verachtet und dann doch gemeinsam auf der Bühne abliefert. Jede Band, die absolute harmonische Freundschaft und Ausgewogenheit propagiert, lügt, wir wissen das mittlerweile aus den Backstages dieser Welt. Man macht das, weil das Herz dafür brennt und weil man am Ende doch an die gemeinsame Sache glaubt. Dazu gehört auch eine zuweilen temperamentvolle Diskussionskultur dazu.

Ihr selbst beschreibt Euren Musikstil als Deutschrock, Punkrock, Hardrock. Den meisten Bands dieser heute vorherrschenden Definition von Deutschrock, werden eher rechte und konservative Einstellungen nachgesagt.

Wie denkt Ihr über dieses Thema?
Wie ist Eure politische Orientierung?

Manu: Wir haben uns vor geraumer Zeit entschieden, die Genre-Zuordnung „Deutschrock“ abzulegen, weil wir das im Grunde nie waren. Vielleicht haben wir die Ausrichtung vieler Leute erst jetzt geblickt. Wir waren schon immer Oldschool-Punks, in unserer Jugend und auch heute noch schlägt unser Herz mehr links als in der Mitte oder gar rechts. Ich finde aber nach wie vor Toleranz und Vielfalt wichtig. Und weil wir eben diese Punkeinstellung in uns tragen, geht uns dieser ganze dogmatische politische Mist auf den Sack. Was wir eben absolut nicht riechen können ist dieser häufig fallende Kommentar „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ und dann sprudelt eine Quelle aus brauner Gülle aus den Leuten raus.

Aber unabhängig davon wollen wir nicht alle über einen Kamm scheren, natürlich gibt es die unpolitischen, antifaschistischen Fans im Deutschrock. Leider in den letzten Monaten ein bisschen zu wenig… Viele lassen sich bei stumpfen politischen populistischen Parolen, die von auch bekannten Acts kommen, hinreißen. Das ist jämmerlich. Und daher geht der Begriff „Grauzone” für diese Bands auch vollkommen klar. Das Rumgeheule, man dürfe nicht stolz auf seine Heimat sein, ist doch einfach ein alter, gammelnder Schuh verkappter, armseliger Außenseiter. Natürlich darfst du dich dessen erfreuen, wo du herkommst. Ich muss doch nicht tagtäglich jammern. Und wenn es keine Meinungsfreiheit gäbe, wären all jene Bands schon lange einer Zensur unterzogen. Es gibt wichtigere Themen: Waffenexporte, Fremdenhass, Geldgier, Klimawandel… Heimat läuft schon… Pubertierende suchen wenige Jahre vielseitig nach ihrer Identität, Populisten einseitig ein Leben lang…

Auf was dürfen sich Eure Fans in nächster Zukunft freuen?

Alex: Auf eine Erholung von grauenhafter Musik. Erst wieder in ein paar Monaten!

Gibt es ein neues Album? Wenn ja, was erwartet uns?

Stephie: Es liegt wahnsinnig viel Gutes in den Schubladen, aber die Jungs sind einfach nie zufrieden und deshalb werden längst fertige Songs nochmal und nochmal überarbeitet. Also schauen wir mal. Wir sind zu allen Schandtaten bereit! Das kann ja dann ganz schnell gehen, wenn mal ein gewisser Flow dazukommt.

Musiker und Ihre Fans… eine niemals endende Liebesgeschichte.
Wie pflegt Ihr den Fankontakt?

Marci: Wir haben bewusst unseren Supportersclub aufgelöst. Das klingt erstmal perfide, aber erstens kriegen 90% aller SCs ihre Interna eh nicht ordentlich geregelt und zweitens haben wir schlichtweg keinen Bock mehr auf eine Zweiklassengesellschaft. Wir sind auch heute noch mit den Klampfen auf den Zeltplätzen der Festivals unterwegs und wir scheuen auch heute noch nicht den Kontakt zu unseren Fans. Es spricht nie etwas gegen ein bis zwölf gemeinsame Bier! Also zum Teufel mit so bürokratischen Institutionen. Das ist einfach „untrue“. Wir unternehmen auch so gerne was mit Fans.

Wie nah lasst Ihr Eure Fans an Euch ran?

Stephie: Das würde ich gar nicht pauschalisieren. Ob Fan oder nicht, erstmal ist ja jeder Mensch interessant, aber nur mit wenigen baut man echte Freundschaften auf. In all den Jahren sind viele gute Bekanntschaften und Freundschaften entstanden, die man immer wieder trifft und mit denen man immer wieder gerne Zeit gemeinsam verbringt. Man packt ja am Anfang nicht immer gleich das ganze Leben aus. Als Mädel findet man es ja auch nicht so ganz geil, wenn der Typ beim ersten Date unten ohne rumläuft. (Lacht.)

Aber oft hat man leider viel zu wenig Zeit für längere Gespräche mit Fans. Entweder, weil die Leute dann abreisen müssen oder weil man selbst von allen Seiten zugetextet wird. Obwohl vieles sehr interessant wäre. Das macht schon auch nachdenklich. Denn ich persönlich schätze jeden Menschen und seine Geschichte. Und dabei kann ich sicher für die ganze Band sprechen.

Dieses Jahr hattet ihr doch eigentlich drei Gigs zusammen mit Mike Priester. Was ist mit dem dritten Gig, also dem F.E.K 9, passiert?

Stephie: Wir haben letztes Jahr Mike erst so richtig kennen gelernt. Wir haben uns lang und intensiv über sich und seine Musik ausgetauscht und wir haben dann auch eigentlich relativ schnell verstanden, was in ihm vorgeht, warum er nicht mehr live spielen möchte und wie er selbst tickt. Es war ganz einfach nachvollziehbar und akzeptabel. Daher haben wir uns damals auch ganz klar gegen die Mike-Hater gestellt. Im Hintergrund läuft meist mehr ab, als man aus der Fanperspektive sieht. Auf jeden Fall bekam er dann von Kiedi die Möglichkeit, 2019 auf der G.O.N.D. zu spielen. Uns hat er als Band angefragt und wir waren damit auch schnell einverstanden, denn wir waren sowieso vor Ort. Der Gig war gut, die wenigen Hater haben sich bald in Luft aufgelöst und insgesamt war es sehr ruhig.

Aber schon im Vorfeld haben wir als Band gemerkt, dass er sich innerhalb seiner Podcasts vor allem frauenfeindlich äußerte. Das stieß natürlich bei mir richtig sauer auf. Wir haben ihn zwar als verschobenen, aber naturnahen und umweltschützenden Menschen kennengelernt. Ok, dachte ich, Statementshirt anziehen und weiter geht’s, vielleicht sind die Traditionen in seinem kleinen bayrischen Dorf noch zu stark konservativ. Er bekam aber eine weitere Gig-Anfrage für das F.E.K. 9 2019, die er nach Absprache mit uns ebenfalls annahm. Auch vor diesem Gig braute sich innerhalb der “Sozialen Medien” ein gewaltiger Sturm zusammen. Er stellte sich klar gegen die „fridays for future“-Bewegung, Greta Thunberg und distanziert sich auch nicht klar von der AFD, eher im Gegenteil.

Viele “Fans”, die wir nun zum größten Teil aussortieren, springen auf diesen Zug des blinden und zugleich asozialen Hasses mit auf. Wir müssen die Augen öffnen und erkennen, dass Hass hier niemals die Lösung sein wird. Jedenfalls war die Offenheit zu rechtem Gedankengut unser Grund, beim Veranstalter des F.E.K 9 Stellung zu beziehen und diesen Missstand, sowie unsere Abgrenzung und Position dazu zu nennen. Schnell machte es die Runde, dass man sich auf uns nicht verlassen könne.  So stellte sich dann auch noch der altbekannte Verschwörungstheoretiker Tyson der Wilden Jungs gegen uns.

Wenn auf etwas bei uns aber Verlass ist, dann auf die Kenntnis unseres Verantwortungsbewusstseins, die Ablehnung, sowie Bekämpfung von Faschismus, Rassismus und Intoleranz. Wer die moralische Grundvereinbarung für unerfüllbar erhält, der braucht nicht weiter auf uns zu bauen.

Was wir sagen wollen, jeder darf eine eigene Meinung haben, aber als Musiker hast du da draußen eine verdammte Verantwortung und dieser verdammte Deutschrock wird mehr und mehr blau-braun untergraben. So scheint sich doch die Kritik der „Deutschrock-Skeptiker“ zu bewahrheiten. Der große Mittelfinger und damit die Absage an diesen braunen Sumpf fehlt einfach, weil man nicht auf eine ordentliche Stange Geld verzichten will. Spielt eure Gigs allein, uns werdet ihr hier nicht mehr sehen. Und an alle noch klardenkenden Bands und Veranstalter, passt auf, fragt nach, schaut nach. Ihr seid verantwortlich für den Ruf einer ganzen Szene, nehmt diese Verantwortung wieder intensiver wahr.

Für uns ist diese Entscheidung, Stellung zu beziehen, längst überfällig geworden.

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