Wenn der Pit zum Tanzparkett wird – skurrile Bewegungsstile im Rockmusik-Kosmos

Foto: Erik Mclean , Med Mhamdi

Konzerte und Festivals im Deutschrock-Bereich sind bekannt für vieles: ehrliche Texte, kalte Bierbecher und eine ganz eigene Form der körperlichen Selbstentfaltung. Was dabei regelmäßig für staunende Blicke sorgt, sind weniger die Bands auf der Bühne als vielmehr die Menschen davor. Denn zwischen Moshpit, Mitgröhl-Momenten und Bierduschen entstehen Tanzstile, die irgendwo zwischen Ausdruckstanz, sportlicher Betätigung und akuter Gleichgewichtsstörung liegen.

Der Klassiker: Das Bier-in-der-Hand-Wackeln

Ein absoluter Dauerbrenner auf jedem Deutschrock-Konzert. Eine Hand fest um den Becher gekrallt, die andere irgendwo in der Luft, während der Oberkörper rhythmisch von links nach rechts pendelt. Die Beine? Optional. Hauptsache, das Bier schwappt nicht über. Dieser Tanzstil ist vor allem bei Fans beliebt, die feiern wollen, ohne dabei unnötig Energie zu verschwenden.

Der imaginäre Boxkampf

Plötzlich gehen die Fäuste hoch. Es wird geschlagen, aber bitte ins Leere. Mal langsam, mal überraschend hektisch. Niemand weiß genau, gegen wen hier gekämpft wird. Wahrscheinlich gegen den Alltag, das System oder einfach gegen den Kater von gestern. Besonders spannend: Der Tänzer selbst merkt oft gar nicht, dass er gerade aussieht wie jemand, der sich in einem unsichtbaren Trainingsraum auf einen Weltmeisterschaftskampf vorbereitet.

Der Ich-fühl-den-Text-Ausfallschritt

Dieser Tanzstil ist hochemotional. Ein Fuß nach vorne, Knie leicht gebeugt, Oberkörper Richtung Bühne geneigt. Dazu ein Blick, der sagt: Dieser Song beschreibt mein Leben. Meist begleitet von lautem Mitsingen, gelegentlichem Zeigefinger-Einsatz und einem dramatischen Kopfnicken. Besonders häufig in den ersten Reihen zu beobachten.

Der betrunkene Windmühlenarm

Eine Bewegung, die weniger mit Musik als mit Restalkohol zu tun hat. Ein Arm rotiert unkontrolliert durch die Luft, während der restliche Körper versucht, irgendwie mitzuhalten. Abstand halten ist hier Pflicht, denn diese Tanzform kennt weder persönliche Grenzen noch physikalische Gesetze.

Der Minimalist

Er steht da, regungslos. Vielleicht ein leichtes Nicken, vielleicht auch nicht. Er feiert innerlich, ganz sicher. Man erkennt ihn daran, dass er am nächsten Tag behauptet, es sei eines der besten Konzerte seines Lebens gewesen, obwohl niemand gesehen hat, dass er sich bewegt hat.

Der Ich-bin-nicht-im-Takt-und-alle-wissen-es-Tänzer

Dieser Tanzstil folgt keinen Regeln. Nicht dem Takt, nicht dem Rhythmus und schon gar nicht der Logik. Arme und Beine bewegen sich unabhängig voneinander, Richtungswechsel passieren ohne Vorwarnung und manchmal wird mitten im Song einfach stehengeblieben, um dann völlig falsch wieder einzusetzen. Es wirkt, als würde der Körper eine andere Band hören als alle anderen. Besonders faszinierend: Dem Tänzer selbst ist das völlig egal. Im Gegenteil, er hat sichtlich Spaß. Während um ihn herum geklatscht, gesprungen oder genickt wird, lebt er seine ganz persönliche Choreografie aus. Frei nach dem Motto: Ich fühl das anders. Und genau deshalb ist dieser Tanzstil vielleicht der Ehrlichste von allen.

Der Ich-hab-keinen-Platz-Tänzer

Diese Spezies bewegt sich auf einer Fläche von etwa 30 mal 30 Zentimetern. Knie anziehen, Ellbogen einklappen, kleine Hüpfbewegungen. Alles sehr kontrolliert, alles sehr bemüht. Meistens in der vierten Reihe zwischen zwei sehr breiten Menschen.

Warum wir das alles lieben

So seltsam diese Tanzstile auch wirken mögen, sie gehören einfach dazu. Niemand ist hier, um gut auszusehen oder einen Tanzpreis zu gewinnen. Es geht um Musik, Gemeinschaft und den Moment. Genau deshalb sind Deutschrock-Konzerte so ehrlich. Hier tanzt niemand für Instagram, sondern für sich selbst.

Ob Wackler, Boxer, Windmühlenarm oder Minimalist, auf Konzerten und Festivals im Deutschrock-Bereich ist jeder Tanzstil willkommen. Es gibt keine Regeln, keine Choreografie und keine falschen Bewegungen. Außer vielleicht rückwärts in den Moshpit stolpern. Das sollte man lassen. Ansonsten gilt: Lass laufen. Hauptsache, die Musik ist laut, das Bier kalt und der Platz vor der Bühne voller Menschen, die genau so tanzen, wie sie es gerade fühlen.

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