Festival-Sterben: Warum die Szene an sich selbst erstickt

Foto: Marco Stahl (KI generiert)

Es ist kein Geheimnis, dass sich die deutsche Festival- und Eventszene in den letzten Jahren selbst ins Aus manövriert hat. Independent-Veranstaltungen sprossen wie Pilze aus dem Boden und wurden genauso schnell wieder eingestampft. Statt Selbstreflexion herrscht allerdings ein altbekanntes Muster: Den ausbleibenden Fans wird die Schuld zugeschoben. Man fleht um Vorverkaufstickets, damit „noch ein Festival überlebt“. Doch mal ehrlich, das Problem ist hausgemacht.

Die Mär vom bösen Besucher

Veranstalter machen es sich leicht, wenn sie Fans als untreu abstempeln. Fakt ist, dass niemand einem wirklich starken Event fernbleibt. Aber viele Festivals sind weder stark noch einzigartig. Sie kopieren sich gegenseitig, holen irgendwelche Bands aufs Line-up und erwarten, dass die Massen von alleine kommen. Marketing? Fehlanzeige. Strategie? Oft nicht einmal ein Ansatz davon. Am Ende konkurrieren dutzende gesichtslose Events um dieselbe Zielgruppe. Warum also sollte jemand hingehen? (PS, ähnlich sieht es auch aus, wenn Bands fette Alben produzieren, aber ohne Strategie damit herausgehen und sich dann wundern, dass die neue Platte kein Gehör findet.)

Zahlen, die weh tun

Die aktuelle Festivalstudie „Musikfestivals in Deutschland – Vielfalt, Strukturen und Herausforderungen“ zeigt schwarz auf weiß, was viele nicht wahrhaben wollen. Rund 1.764 Festivals gibt es in Deutschland. Das ist ein Überangebot, das niemand mehr überblickt. Besonders NRW (19 %) und Bayern (17 %) sind regelrechte Event-Schlachtfelder. Fast 30 % aller Festivals machen Verluste, nur 15 % davon Gewinne. Und das, obwohl die durchschnittlichen Budgets beachtlich wirken: Einnahmen bei 313.000 Euro, Ausgaben bei 296.000 Euro. Doch Zahlen täuschen. Denn schon Kleinfestivals mit 1.700–2.200 Besuchern jonglieren mit Summen, die sie ohne solide Strategie kaum stemmen können.

Groß frisst Klein

Während Konzerngiganten mit Marketingbudgets und Reichweiten den Markt dominieren, kämpfen kleine bis mittelständische Festivals ums Überleben. Ein Muster ist klar erkennbar. Erst ab rund 1.500–2.500 Besuchern stabilisiert sich die wirtschaftliche Basis. Darunter ist es fast Glücksspiel. Wer glaubt, man müsse nur eine Bühne hinstellen und große Namen buchen, hat das Geschäft nicht verstanden.

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Foto: Marco Stahl (KI generiert)

Es braucht nicht noch mehr Festivals, sondern endlich bessere Festivals. Events mit Konzept, Charakter und Profil. Etwas, das heraussticht. Fans kaufen keine Tickets aus Mitleid oder weil Veranstalter darum betteln. Sie kaufen, wenn sie überzeugt sind, dass es ein Erlebnis gibt, das sich lohnt. Alles andere ist Selbsttäuschung.

Fazit mit Nachdruck

Die Szene stirbt nicht, weil die Fans fehlen. Sie stirbt, weil viele Veranstalter falsche Entscheidungen treffen, Trends kopieren und ohne Strategie ins offene Messer laufen. Wer als Veranstalter die Festival-Studie liest und nicht wenigstens die grundlegenden Zahlen und Learnings beherzigt, braucht sich nicht über leere Plätze wundern.

Mein Wunsch: weniger inflationäre Veranstaltungen, mehr Qualität. Weniger Ticket-Bettelei, mehr Substanz. Dann könnte 2026 und darüber hinaus tatsächlich wieder eine lebendige, nachhaltige Festivalkultur entstehen. Da sich das Thema doch sehr kritisch betrachten lässt, würde ich mir hier einen konstruktiven Austausch per DM oder auch öffentlich in den Kommentaren wünschen.

Qualität statt Headliner-Wahn

Und noch etwas: Es braucht nicht immer die unbezahlbaren Headliner, um ein Festival attraktiv zu machen. Viel entscheidender ist die Struktur des Events selbst. Ein durchdachtes Gelände, saubere und ausreichend vorhandene Sanitäranlagen, funktionierende Campgrounds und eine gute Versorgungslage machen für viele Besucher den Unterschied. Niemand erinnert sich gerne an ein Wochenende voller überfüllter Dixis und stundenlanger Wartezeiten. Fans wollen sich willkommen fühlen und das gelingt eher mit guter Organisation als mit einem teuren Top-Act, den man sowieso schon auf zig anderen Festivals sehen kann. Und ja, der Anfang ist zwar immer schwer und die Besucher müssen einem eine erste Chance geben, aber das ist wie in jedem Unternehmen. Dranbleiben und es besser machen als der Markt.

Der Kampf ist hart, aber er kann sich lohnen. Gestiegene Kosten, strenge Auflagen, übersättigte Marktsituation, fehlende Strategie und zu wenig Marketing sind nur ein paar der Aspekte, die man einmal unter die Lupe nehmen sollte. Aber wenn es andere schaffen, dann kann es doch eigentlich jeder schaffen, oder?

Zur Studie kommt ihr über diesen Link: Studie-Musikfestivals-in-Deutschland.-Vielfalt-Strukturen-und-Herausforderungen.pdf

Redaktionell verantwortlich für diesen Artikel:

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Mitglied im Bundesverband deutscher Pressefotografen (bdp)

Gründete 2017 das Magazin und begann eine ganz neue, "musikalische" Reise durch die rauen Landschaften von Musik, Veranstaltungen und Print- und Online-Medien.