Securities im Interview – Teil 2

Foto: Jule Fleischmann

Securities sind die unsichtbaren Engel eines jeden Konzertabends. Sie stehen im Graben, am Einlass, im Hintergrund, dort, wo die meisten Fans sie nur am Rande wahrnehmen. Doch ohne sie würde keine Show so laufen, wie wir sie kennen und lieben. Patrick und Ente gehören zu denen, die seit Jahren dafür sorgen, dass Konzerte sicher, fair und unvergesslich bleiben. Zwei Männer, zwei völlig unterschiedliche Wege in den Job, aber eine gemeinsame Leidenschaft: die Musik, die Menschen und die Energie, die nur eine Live-Show entfesseln kann.

VRR: Wie bist du zur Arbeit als Security bei Konzerten gekommen und was reizt dich daran?

Patrick: Durch eine Anzeige in den sozialen Medien bin ich auf den Bereich der privaten Sicherheit aufmerksam geworden. Für mich ist das der perfekte Ausgleich zu meinem Bürojob, dort arbeite ich strukturiert, konzentriert und oft im Stillen, während ich bei Konzerten mitten im Leben stehe. Kein Abend gleicht dem anderen, keine Situation wiederholt sich. Genau das macht es so spannend: neue Menschen, neue Energie, immer wieder neue Herausforderungen.

Ente: Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wie ich da reingerutscht bin. Ich habe 1991 angefangen und damals mit ein paar Kumpels aus dem Box- und Sportbereich meine eigene Firma gegründet. Los ging es in unserem Jugendclub im Viertel, wo wir die wöchentlichen Discos gesichert haben. Die Jahre 1990–1998 waren hier im Osten sehr wilde Zeiten, die berühmten Nachwendejahre. Dann kamen immer mehr Clubs und Discos dazu.

VRR: Wie sieht euer typischer Arbeitstag aus, bevor die Veranstaltung für die Fans öffnet?

Patrick: Bevor die Türen aufgehen, treffen wir uns an der Location. Wir besprechen im Team den Ablauf des Abends, Sicherheitsaspekte und die Positionen. Danach nehme ich mir kurz einen Moment für mich. Durchatmen, den Kopf freibekommen, mental in den Einsatzmodus gehen. Diese kleine Routine hilft mir, selbst in hektischen Situationen ruhig und fokussiert zu bleiben.

Ente: Wir treffen uns etwa eine Stunde vorher in der Venue. Dann kleiden wir uns ein, ich mache die Einweisung und verteile die Positionen. Ich spreche mit Veranstalter, Tourmanager oder Band, damit wir die Show professionell und angenehm für alle durchführen können. Die meisten Bands und ihr Publikum kenne ich mittlerweile. Danach stelle ich mein Team auf und bereite uns auf alles vor, was kommen könnte.

VRR: Welche Vorbereitungen trefft ihr, um für den Abend gut aufgestellt zu sein?

Patrick: Die Einsatzplanung übernimmt der Einsatzleiter, der das Team nach Erfahrung und Anforderungen einteilt. Aber Vorbereitung beginnt schon zu Hause: ausgewogen essen, viel trinken, den Körper nicht überlasten. Klingt banal, ist aber entscheidend. Wer müde, hungrig oder dehydriert in eine Schicht geht, gefährdet sich und andere. Wir arbeiten direkt am Menschen, da muss man körperlich und mental präsent sein.

VRR: Was sind eure Hauptaufgaben während einer Show?

Patrick: Ich stehe im Graben direkt vor der Bühne. Mein Blick geht ständig in die Menge. Ich beobachte die Fans, nehme Crowdsurfer entgegen, reagiere auf Situationen und erkenne schnell, wenn jemand Hilfe braucht. Ob wegen einer Reiberei, Kreislaufproblemen oder anderen Notfällen. Wir sorgen für Sicherheit, aber wir tragen auch die Energie des Abends mit. Wenn die Stimmung gut ist, wissen wir, dass wir unseren Job richtig machen.

Ente: Unsere Aufgaben sind Einlasskontrollen, Streifen über das Gelände, je nach Größe und ob Open Air oder Halle und natürlich der Bühnengraben. Wir nehmen Stagediver ab, erkennen gefährliche Situationen und wirken frühzeitig dagegen.

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Foto: Da Noize Pics n Arts

VRR: Wann wird es für euch kritisch und wie geht ihr mit Pogo oder Circle Pits um?

Patrick: Am meisten Aufmerksamkeit brauchen Einlass und Abfluss der Gäste, da passiert naturgemäß am meisten. Circle Pits beobachten wir genau, greifen aber nur ein, wenn es wirklich notwendig ist. Wir achten auch auf Leute, die unsicher oder erschöpft wirken. Teamkommunikation ist da das Wichtigste.

Ente: Wir gehen im Gegensatz zu manchen anderen ziemlich entspannt damit um. Wer in den Pogo geht, weiß normalerweise, was dort abgeht. Wir achten nur darauf, dass niemand hineingezogen wird, der nicht möchte. Zu 98 % sind Pogos hart, aber extrem fair. Die Leute passen gut aufeinander auf, fallen welche hin, wird sofort ein Schutzkreis gebildet und geholfen. Wirklich alles sehr freundschaftlich.

VRR: Wie geht ihr mit schwierigen oder übermotivierten Fans um, ohne die Stimmung zu kippen?

Patrick: Man muss Situationen früh erkennen, Erfahrung hilft dabei enorm. Es gibt kein starres Muster. Humor, Einfühlungsvermögen und Körpersprache wirken oft Wunder. Ein Blick, ein kurzer Spruch und die Anspannung ist weg. Wir wollen, dass die Fans feiern können, aber sich sicher fühlen.

Ente: Ich hole mir die Person entspannt raus und wirke freundlich, aber bestimmt. Ich erkläre, dass es etwas ruhiger gehen muss. Die meisten verstehen das schnell. Wenn nicht, geht es an die frische Luft. Und wenn er dann immer noch den Macker macht, fliegt er raus und zwar auch bei den nächsten Events.

VRR: Gibt es Shows oder Momente, die euch besonders in Erinnerung geblieben sind?

Patrick: Da gibt es viele: die ärzte, Die Toten Hosen, Five Finger Death Punch, Mr. Hurley & die Pulveraffen, Unantastbar, Rauhbein. Ein Highlight im Jahr ist immer Sommer am Kiez. Und Kärbholz ist für mich etwas ganz Besonderes. Ich durfte viele Shows mit ihnen begleiten. Die Fans dort sind unfassbar herzlich, jedes Konzert fühlt sich ein bisschen wie nach Hause kommen an.

Ente: Da gäbe es so viele, das würde den Rahmen sprengen. Aber wenn ich eines hervorheben müsste: das Abschiedskonzert der Böhsen Onkelz 2005. Ein wahnsinniges Highlight, auch von der Zuschauerzahl her das Größte meiner Karriere. Ich habe die Band schon seit den 90ern mit meinem Freund Thomas Hess begleitet, der leider nicht mehr unter uns ist.

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Foto: Hendrik Prostka

VRR: Was war das Verrückteste, das du je erlebt hast?

Patrick: Ganz klar, eine Auseinandersetzung zwischen Künstlern im Backstage. Man denkt immer, das Publikum sei das Unberechenbare, aber manchmal passiert das Drama hinter der Bühne.

Ente: Bei einem Metal-Festival, auf dem ich als Toursecurity unterwegs war, hat ein Paar auf der Bühne miteinander herumgemacht, richtig heftig. Das war definitiv crazy.

VRR: Habt ihr auch direkten Kontakt zu den Bands?

Patrick: Das hängt von Band, Location und Position ab. Manchmal ergibt sich ein kurzer Austausch oder ein nettes Gespräch. Meine Erfahrungen waren durchweg positiv, viele Musiker sind überraschend bodenständig und respektvoll. Wertschätzung gehört einfach dazu.

Ente: Na klar. In 34 Jahren in der Szene habe ich so viele internationale Künstler und Leute aus der Eventbranche kennengelernt. Zu vielen pflege ich mittlerweile freundschaftlichen oder regen Kontakt.

VRR: Was passiert nach der Show?

Patrick: Wenn der letzte Ton verklingt, begleiten wir den Abfluss der Gäste und achten darauf, dass alles geordnet bleibt. Danach wird die Location geräumt. Für uns heißt es: runterkommen und die Eindrücke sacken lassen.

Ente: Je nachdem, ob die Band noch Kontakt zu den Fans sucht, warten wir. Wenn der Veranstalter das Go gibt, kehren wir langsam aus. Meistens quatschen wir danach noch, werten Dinge aus und trinken ein Feierabendgetränk.

VRR: Wie schaltest du nach einem lauten Abend ab?

Patrick: Mit Stille oder ruhiger Musik wie Country oder Jazz. Zu Hause hilft eine heiße Dusche. Danach: Ruhe, kein Handy, kein Lärm.

VRR: Was wünscht ihr euch von Fans, Bands oder Veranstaltern?

Patrick: Von den Fans wünsche ich mir mehr Empathie. Wir sind nicht da, um zu ärgern, sondern um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Von manchen Veranstaltern wünsche ich mir, dass sie sich auf Planung und Organisation konzentrieren und uns den Bereich Sicherheit anvertrauen. Dafür sind wir da.

Ente: Dass nicht zuerst an der Sicherheit gespart wird. Das ist leider oft der Fall. Außerdem sollten Veranstalter und Betreiber hinter ihrer Security stehen.

VRR: Oft werdet ihr als „böse Buben“ dargestellt. Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Patrick: Ich mag diesen Begriff nicht. Wir sind Menschen wie alle anderen, mit Familien, Alltag und Gefühlen. Ich sehe mich als empathisch, ruhig und serviceorientiert. Wir wollen, dass sich jeder Gast sicher und willkommen fühlt.

Ente: Als einen der letzten seiner Art! Ecken und Kanten, aber liebenswert.

VRR: Was macht gute Security bei einem Rockkonzert aus?

Patrick: Rockfans kommen wegen der Musik, nicht um Stress zu machen. Gute Security besteht aus Kompetenz, Ruhe, Fingerspitzengefühl und einem Lächeln. Wir sind keine Mauern, wir sind Brücken. Wenn am Ende alle mit einem guten Gefühl nach Hause gehen, war es ein guter Einsatz.

Ente: Szenekunde, Erfahrung, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, im Hintergrund zu wirken. Den Gästen aber dennoch das Gefühl von Sicherheit und Willkommen sein zu geben.

Security bedeutet weit mehr als nur aufzupassen, es erfordert Erfahrung, Ruhe, Szenekenntnis und ein feines Gespür für Menschen, damit jede Show sicher und dennoch frei gefeiert werden kann. Ohne Leute wie Patrick und Ente, die mit Herz, Professionalität und Leidenschaft arbeiten, würde kein Konzert so reibungslos, familiär und unvergesslich ablaufen.

Vielen Dank an euch beide für das offene, ehrliche und spannende Interview und für euren täglichen Einsatz, der jede Konzertnacht ein Stück sicherer und ein Stück besonderer macht.

Redaktionell verantwortlich für diesen Artikel:

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