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Silvery Motion – Rock aus Gotha 

Kulturstadt ohne Kultur 

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Ich habe mich mal wieder auf die Suche begeben, dieses Mal aber um zu schauen, was in meiner Stadt so los ist. 

Ich bin gebürtige Gothaerin und erlebe hier in dem kleinen „nicht beschaulichen“ Städtchen alle Jahre wieder ein Phänomen, welches bei mir Fragen aufwirft. 

Gotha, eine Stadt, die mit Kultur wirbt, Feste feiert, und vom Adel gezeichnet ist. Ja, selbst der Ursprung sämtlicher uns bekannten Versicherungen entstammen dieser kleinen Stadt. 

Und doch bleibt der Name, mit dem man diesem Ort bewirbt, ein Pseudonym ohne große Bedeutung. Die Kulturstadt Gotha. Hier fand einst mein eigener Vater in den frühen 70ern als bulgarischer Musiker seinen Weg als Komponist und Sänger. Und doch ist es schwer, als Künstler in dieser Region einen guten Fuß zu fassen. Kaum steh ich hier und singe, ach lassen wir das. Das funktioniert allemal bei Ültje, aber nicht in Gotha. 

Adel verpflichtet (nicht) 

Kulturfeste wie das alljährliche Gotthardusfest mit viel Musik zieren die Plakate. Neben Barock und Philharmonie Konzerten erhascht man sogar auch Tour Plakate von namhaften Künstlern wie Frei.Wild. All das rund um unser Schloss Friedenstein, welches dann auch gut besucht ist. Und doch empfindet man das heimische Publikum als fast schon undankbar und stocksteif. 

Über die Jahre beobachtet, begab ich mich auf die Suche nach einer lokalen Band und habe einmal nachgefragt, wie es sich anfühlt, hier in der Heimat Konzerte zu geben. 

Irgendwann im letzten Sommer lief ich über den Marktplatz und hörte von weitem etwas, das wie Rockmusik klang und dachte: „Hey, Gotha kann ja doch rockig, dreckig und laut.“ Das musste ich mir ansehen. So traf ich auf die Band „Silvery Motion“.  Gute Musik, die mir da um die Ohren fliegt, denk ich mir, und dann der altbekannte Kontrast dazu.  Eben genau dieses jahrelange Bild, welches ich von meiner Stadt sah, kaum Publikum und die einzigen, die tanzten, waren die Kinder derer, welche sich an einem lauen Sommerabend in der Stadt einfanden. 

So kam mir bei all meinen Fragen die Idee, mal nachzuhorchen. Gesagt, getan, aber lest selbst. 

VRR: Wir kommen aus der gleichen Kleinstadt und kennen uns nicht? Woran liegt das? Das müsst ihr mir unbedingt verraten. 

Wir hatten bisher relativ wenige Gigs direkt in Gotha. Hauptsächlich haben wir eher in Erfurt und in der Umgebung gespielt, auch viel in Nord- und Südthüringen. Gotha bietet (Rock-) Bands allgemein relativ wenig Möglichkeiten, sich zu präsentieren. Spielt man dazu noch eigene Songs und kommt eher aus der Alternative-Ecke abseits vom Mainstream, wird es dann noch schwieriger Auftrittsmöglichkeiten zu bekommen. 

VRR: Wo kommt ihr eigentlich her? Direkt hier aus Gotha? Kennt ihr euch von früher? Habt ihr ggf. eine gemeinsame Schulzeit oder Kindertage? 

Wir kommen aus Gotha und der Umgebung. Maik ist da so was wie der Fixpunkt. Christian war zu der Zeit der Bandgründung ein Gitarrenschüler seines Vaters und später war Johanna eine Gesangsschülerin von Maik. So sind wir dann zusammengekommen. Unser langjähriger Drummer war auch ein Bekannter von Maiks Vater und der Musikschule. Aber mit ihm sind wir vor gut zwei Jahren getrennte Wege gegangen. Jannik, unseren aktuellen Schlagzeuger, haben wir über einen Freund von Johanna kennengelernt. 

VRR: Silvery Motion, was wollt ihr damit zum Ausdruck bringen? Hat es einen bestimmten Hintergrund zum Namen? 

Hauptsächlich sollte der Name eher neutral sein und wenn möglich „neu“ und unverbraucht klingen. Wir haben recht viele musikalische Einflüsse und wollen uns nicht auf ein bestimmtes Genre festnageln. Nennt man sich als Band zum Beispiel „Cannibal Corpse“, dann ist klar, wo musikalisch die Reise hingeht. „Silvery Motion“ kann alles sein und man hört vielleicht mehr hin und ist neugierig, was und wer sich dahinter verbirgt. Aber am Ende ist es nur ein Name. Wichtiger ist, was die Musik und der Inhalt in den Menschen auslöst. 

VRR: Wenn ich unseren Lesern beschreiben möchte, was ihr so macht, wie würdet ihr euch und euren Musikstil am ehesten Beschreiben? 

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, weil wir uns immer Mühe geben, neue Stilrichtungen und Ideen in jeden Song einfließen zu lassen. Nach Möglichkeit soll kein Song klingen wie ein anderer von uns. Klar sehen wir uns als Rock-Band, aber das ist natürlich ein weiter Begriff. Wir haben schon einen starken Genre Mix und eine relativ große Bandbreite, angefangen bei Metal, Alternative Rock, Progressive Rock, Grunge, Heavy Rock bis hin zu elektronischen Einflüssen durch Keyboard und Sequenzer. Wir haben oft Wechsel in den Songs von lauten und aggressiven Parts bis hin zu ruhigen melancholischen Teilen, die oft rein instrumental auskommen. Bei neueren Songs spielt auch der Wechselgesang eine wichtige Rolle und die Zweitstimmigkeit im Gesang. Um es kurz zu fassen, passt wahrscheinlich Experimental Rock am besten. 

VRR: Wie lange macht ihr schon gemeinsam Musik? 

In der aktuellen Konstellation erst seit Mitte 2021. Aber Maik und Christian haben als Zwei-Mann-Projekt schon ab Ende 2009 zusammen Musik gemacht. Da gab es aber weder den heutigen Namen der Band noch Songs, die wir heute auch noch spielen. Jede*r hatte eigentlich vorher schon ein Musikprojekt oder eine Band. So richtig in Schwung kam die Band dann 2015, als wir endlich zu viert waren und die Zeit ohne Bass oder Schlagzeug vorbei war. 

Aufgeben ist keine Option 

VRR: Ihr könnt euch denken, dass ich ggf. auf Gotha anspielen möchte, wie empfindet ihr die Szene der Stadt? Das Publikum und deren Begeisterung halten sich hier oft leider sehr bedeckt, was Musiker jeglicher Art angeht. 
Ist euch das vielleicht auch schon aufgefallen? Gotha ist ein schwer zu begeisterndes Völkchen. 

Hat Gotha eine aktive „junge“ Musikszene? Kultur bezieht sich in Gotha viel auf unsere Geschichte und Tradition. Das Schloss, das Museum, das Eckhoftheater und wir haben auch ein großartiges Sinfonieorchester. Aber abseits von dem? Schwierig. Selbst beim Gothardusfest, wenn sich die Stadt bzw. die Region präsentieren darf, kommen selbst die weniger bekannten musikalischen Acts aus ganz Deutschland. Den restlichen Raum nehmen die typischen historischen Sachen ein. Es gibt an sich kaum reine Live-Musik-Veranstaltungen. Zum Beispiel war die „Fête de la Musique“ als internationales Event nur einmal in Gotha. 

In Sachen Gothaer Bands hat das „Heimspiel“ einen Anfang gemacht. Dadurch haben wir uns ja letztes Jahr auch kennengelernt. Man kann nur hoffen, dass die Leute daran interessiert bleiben und vielleicht auch andere auf das Potenzial von lokalen Bands aufmerksam werden. 

Gute Frage, ob das Publikum hier schwer zu begeistern ist. Die wenigen Aufritte, die wir in Gotha hatten, waren wirklich nicht schlecht und wir kamen gut an. Es gibt nur leider viel zu selten Events, bei denen man gute Livemusik erleben darf. Ganz ehrlich, wir hatten als Band mit eigenen Songs, die nicht unbedingt den Massengeschmack bedienen, auch Bedenken, ob das zu Gotha passt als wir beim „Heimspiel“ zugesagt haben. Aber wir waren überrascht. Es ist definitiv Publikum da, das das annimmt und sich für Rock-Musik interessiert. 

VRR: Kann man euch demnächst wieder live erleben? 

Wir sind am 21. Juni definitiv wieder bei der „Fête de la Musique“ in Erfurt dabei. Wie es dann darüber hinaus aussieht – mal sehen. Vielleicht gibt es auch bald eine Möglichkeit in Gotha. Wir geben die Hoffnung noch nicht auf. 

Hoffnung ist das, was mir mit Blick auf die Musikszene rund um Gotha einfach fehlt. Pur würde jetzt singen „Wo sind all die Indianer hin“, nun ja, wir fragen uns, wo sind all die Menschen, die wissen wie man Feste feiert? Aber verbleiben wir einfach mit einem „Rock me, Amadeus“ und grüßen einmal das kleine, aber feine Völkchen. 

Ein liebens Danke geht hier noch einmal an Silvery Motion und wir wünschen weiterhin viel Erfolg und Geduld mit unserem heimischen Publikum. 

Redaktionell verantwortlich für diesen Artikel:

Ich bin Tati aus dem grünen Herzen Deutschlands. In einer Musikerfamilie aufgewachsen, war es mir schon immer wichtig, die richtigen Töne zu finden. Ob in Wort oder Schrift, ob im Gesang oder in der Poesie. Jedes Genre und ein jeder Stil war mir willkommen. Und genau das hat mich in meiner Jugend geprägt und bis heute begleitet.

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