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Sondaschule Interview – Es war ein Sommer mit vielen Tränen

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Die Mühlheimer Band Sondaschule steht kurz vor der Veröffentlichung des achten Studioalbums UNBESIEGBAR. Dabei ist diese Neuerscheinung alles andere als ein Selbstverständnis. Nachdem im Sommer 2021 Gitarrist Daniel „Blubbi“ Junker verstarb, ist nicht klar, wie es weitergeht. Wie es sich angefühlt hat, trotzdem wieder die ersten Töne vor Publikum zu spielen, erzählt Sänger Costa im Interview.

VRR: Wie geht es euch, seid ihr gut ins neue Jahr gekommen?

Costa: Es war ruhiger als gewohnt, aber im Endeffekt sind wir doch gut reingekommen. Für mich ist Silvester sonst gar nicht so wichtig, aber dieses Mal war es schön, dass ein neues Jahr anfängt und man positiv in die Zukunft schauen kann. Alle Daumen sind gedrückt, dass es ein entspannteres und ereignisreicheres Jahr für alle Musikfans, Bands und Künstler sein wird.

VRR: Seit dem ruhigen Silvesterabend sind aber nun schon ein paar Tage vergangen. Wie stressig ist es aktuell bei euch?

Costa: Momentan proben wir zum Glück viel. Wir treffen uns im Proberaum, da wir fest davon ausgehen, im März auf Tour zu gehen und bereiten uns vor. Auch an dieser Stelle müssen natürlich die Daumen gedrückt werden – wer weiß, ob das stattfindet. Wir planen einfach nicht mehr so weit voraus, sondern nutzen aktuell jede Gelegenheit, die sich bietet, um die neuen Songs auch einmal im Livegewand zu proben. Das macht auf jeden Fall sehr viel Spaß, weil man im Studio sonst die Instrumente eher einzeln spielt und nur selten zusammen. Wir erwecken die Songs gerade erst so richtig zum Leben und versuchen, alle 14 Songs im Proberaum live umzusetzen. Hinzu kommt viel Promo für das Album. Es freut uns, dass überhaupt jemand Fragen zum Album hat, was ja eigentlich ein gutes Zeichen ist.

VRR: Stichwort Probe- und Tourvorbereitung. Wie läuft das ab bei euch?

Costa: Der Plan der Faulen in der Band war es, sich pro Woche ein Lied vorzunehmen. Das hätte aber rein rechnerisch überhaupt nicht funktioniert.

VRR: Wer sind denn die Faulen?

Costa: Das möchte ich nicht nach außen tragen, aber es ist unser Gitarrist (lacht). Nein, also die Songs gibt es ja jetzt auch schon ein bisschen länger und wir sind eingespielt, deswegen sollte das gar nicht so ein Problem sein, sich auch noch ein paar mehr draufzuschaffen. Wir haben im vergangenen Jahr Open Air-Shows gespielt, bei denen wir schon vier Songs des Albums live gespielt haben, deswegen waren es keine vollen 14 mehr. Mittlerweile sind wir so weit, dass wir alle am Stück durchspielen können. Teilweise ist schon Gänsehautstatus im Proberaum vorhanden.

VRR: Ihr seid mittlerweile eine professionelle Gruppe, Wikipedia nennt euch aber immer noch Ska-Punk-Band. Endet da eigentlich immer noch jede zweite der angesprochenen Proben betrunken oder zumindest high?

Costa: Das können wir nicht unbedingt verneinen… Allerdings ist es schon anders als früher, da waren wir fast jeden Tag im Proberaum. Da war das, was du angesprochen hast, auch eher der Grund, warum wir überhaupt da rumgehangen haben. Musik war eher die Nebensache. Heute hat sich das gedreht. Trotzdem wird nebenbei mal ein Bier getrunken oder es kreist die ein oder andere Tüte. Man darf auch nicht alles, was Spaß macht, ignorieren. Wir verbinden das Ganze immer noch viel mit Spaß, Freude und Gemütlichkeit. Sind wir ehrlich, da darf das nicht fehlen.

VRR: Dann ist nach 20 Jahren also noch etwas übrig von dem Scheißegal-Punk-Spirit?

Costa: Ich denke, das ist in unserer DNA verankert, genauso, wie ich braune Augen habe. Die Scheißegal-Einstellung war unser Punk-Urgedanke. Das wird immer als Scheißegal-Einstellung dahingestellt, aber im Endeffekt verfolgen wir ja nur das, was wir wollen. Ohne Kompromisse. Dass wir das tun, was wir für richtig halten, haben wir auf jeden Fall beibehalten.

VRR: Wir übertragt ihr den Spirit auf die Live-Konzerte?

Costa: Ich glaube, das kann ich aus eigener Erfahrung beschreiben. Wenn ich sehe, dass die Band die Musik authentisch rüberbringt und auch noch Spaß dabei hat, überträgt sich das auch auf mich. Der Grund, warum wir die Band überhaupt jemals gegründet haben, war um möglichst viel live zu spielen. Durch die Gegend reisen, Party machen, saufen, kiffen und Leute kennenlernen. Das war für uns viel wichtiger, als im Studio zu sitzen, neue Musik aufzunehmen und möglichst viel zu verkaufen. Ein DJ legt in der Disko auf und freut sich, dass die Leute auf der Tanzfläche abgehen. Bei uns ist es dasselbe, nur mit eigener Musik. Ich denke, das merkt man im Publikum und deswegen wird es wohl auch nicht langweilig. Der Moment wird genossen und es ist authentisch.

VRR: Was sind eigentlich eure Live-Highlights aus der langen Zeit?

Costa: Der krasseste Abend für mich war ganz am Anfang. Wir haben KLASSE 1A gerade herausgebracht und waren in Cottbus zusammen mit den Kassierern auf Tour. Die Leute, die vor uns standen, haben plötzlich unsere Lieder mitgesungen, obwohl wir noch nie in der Stadt waren. Das war für mich ein Wow-Erlebnis und so ein Glücksgefühl, das habe ich nie mehr wieder vergessen. Ich würde lügen, wenn nicht auch Rock am Ring irgendetwas mit uns gemacht hat. Das war ein Moment, in dem man kein Ende der Menschenmassen sieht, obwohl die ersten zehn Reihen natürlich nur wegen Rammstein da waren. Auch 15 Jahre Sondaschule im Amphitheater in Gelsenkirchen war erinnerungswürdig.

VRR: Ich stelle es mir so vor, dass es mit viel Druck verbunden ist, Shows wie bei Rock am Ring zu spielen. Habt ihr feste Rituale zur Vorbereitung?

Costa: Das Witzige ist, dass der Druck bei uns gar nicht so riesig ist. Wir denken eher: „Wann geht es endlich los? Wir wollen endlich auf diese scheiß Bühne!“ Unser Ritual ist daher knapp, wir klatschen uns kurz vorher einmal ab. Eine Stunde vorher kommt man in etwa im Backstage zusammen. Na gut, bei Rock am Ring vielleicht nicht ganz, weil manche schon auf dem Zeltplatz versackt sind und sich die Kante gegeben haben. Da waren wir froh, dass die überhaupt den Weg zum Tourbus gefunden haben, sonst wären wir nämlich auch zu spät bei Rock im Park gekommen. Wir sind damals über anderthalb Stunden zu spät losgefahren, weil wir unseren Gitarristen nicht mehr wiedergefunden haben. Der ist nämlich auf einer Party am Zeltplatz versackt. Ich glaube, ich habe ihn nachts am Jägermeister-Stand gefunden, nachdem er nicht einmal mehr den Weg zum Bus gefunden hat. Von Aufregung kann da also nicht unbedingt die Rede sein. Genau deswegen halten wir es auch kurz mit den Ritualen, weil man nicht sagen kann, wann jeder hinter der Bühne auftaucht.

VRR: Die verrücktesten Rituale der anderen Bands sind…

Costa: Ich achte da wenig auf andere Bands. Meistens ist es so, dass jeder mittlerweile seinen eigenen Backstage-Raum und dann bekommt man nicht sehr viel mit. Das gilt auch auf Festivals. Lemmy von Motörhead hatte damals beim Vainstream direkt gegenüber von uns seinen Container mit einem eigenen Spielautomaten. Der hat immer Speed gezogen, Whiskey-Cola getrunken und an dem Automaten gedaddelt. Unser damaliger Manager Andi ist dann zu ihm gegangen, hat sich mit ihm unterhalten und dann auch mal etwas reingeworfen. Er hat gewonnen und sich die Taschen vollgesteckt. Lemmy hat sich dann kaputtgelacht und gesagt: „Ey, ich stecke da jetzt die ganze Tour mein eigenes Geld rein und du räumst den Automaten leer, das kann doch nicht dein Ernst sein, das ist mein Geld!“ Er hat ihm im Nachhinein sogar noch ein eisernes Kreuz (Lemmy sammelte sehr verrückte Dinge) zugesandt, weil er die Aktion so lustig fand.

VRR: Wenn wir dann schon bei Ritualen und damit auch Kontinuität sind, muss man feststellen, dass genau die im vergangenen Jahr mit dem Tod von Blubbi durchbrochen wurde. Wie schwer ist es euch gefallen, danach überhaupt wieder die ersten Live-Töne zu spielen?

Costa: Sehr, sehr schwer. Als dann die Konzerte feststanden, wussten wir nicht, ob wir das komplett durchstehen und überhaupt umgesetzt bekommen. Vom Tod bis zum Auftritt waren es, glaube ich, sechs bis acht Wochen. Wir hatten gar nicht so viel Zeit, uns darauf vorzubereiten. Erst einmal stand die Frage im Raum: Wollen wir das überhaupt, können wir das überhaupt oder sagen wir die Konzerte einfach ab? Wir haben ihn erst einmal beerdigt, wir konnten uns mit gar nichts auseinandersetzen. Der Release vom Album wurde ins Ungewisse verschoben und es wurde getrauert. Nach und nach haben wir uns um die Konzerte Gedanken gemacht und uns zum Glück dafür entschieden. Wir haben 20 Jahre alles für diese Band zurückgestellt. Unsere Familien, Ausbildung, Beruf, alles egal. Wir sind einfach nur zusammen durch die Lande getingelt und haben gespielt, wie eine Familie. Auf einmal fehlt dann jemand… Ich glaube, wenn ich gegangen wäre, hätte ich auch nicht gewollt, dass sie aufhören. Man kann nicht 20 Jahre gemeinsam für etwas brennen und dann alles über den Haufen schmeißen, weil einer nicht mehr dabei ist. Deswegen haben wir uns durchgerungen, sind auf die Bühne gegangen und waren sehr dankbar für die vielen Plakate. Die haben uns das Konzert so einfach wie möglich gemacht. Es war ein sehr krasses, emotionales Erlebnis für uns. Es war ein Sommer mit vielen Tränen, wir haben bei jedem Konzert vor und hinter der Bühne geheult. Gleichzeitig hat das so viel positive Energie hinterlassen, dass wir stolz sind, das geschafft zu haben. Ich glaube auch Blubbi ist einverstanden und stolz, dass wir nicht den Kopf in den Sand gesteckt haben.

VRR: Was ging euch auf der Bühne konkret durch den Kopf?

Costa: Bei mir ist es generell so, dass ich so viel Spaß auf der Bühne hatte bis dato und eigentlich immer nur grinsen konnte. Ich konnte bei diesem Konzert nicht grinsen und nicht lächeln. Das komplette erste Konzert war für mich ein Durchhalten. Soundmäßig war es nichts anderes, das ist total verrückt. Es klingt genauso wie sonst, sobald ich aber nach rechts geguckt habe, war es wie ein Schock. Dort wo Blubbi immer stand, stand plötzlich jemand anderes. Das ist wie Geisterbahn fahren, wenn plötzlich etwas um die Ecke kommt und man sich erschreckt. Das hatte ich konstant, sehr oft hintereinander. Nach und nach hat sich das zum Glück gegeben. Am Ende in Münster war ich nur noch traurig, dass er nicht mehr dabei ist, aber es war nicht mehr so ungewohnt. Der Mensch gewöhnt sich leider sehr schnell an Dinge…

VRR: Wie hat euch das als Band verändert?

Costa: Ich glaube, wir sind noch stärker zusammengewachsen. Wir waren so schon immer eine Familie, weil wir uns so lange kennen und so viel Zeit miteinander verbracht haben. Aber die harten und schlimmen Zeiten schweißen einen noch enger zusammen. Ich bin auch froh, dass es die Jungs gibt, weil die Trauerzeit sonst noch härter gewesen wäre, wenn man sich nicht gegenseitig Kraft und Mut zusprechen kann. Ich glaube, jetzt kann kommen, was will: Wir werden immer wie eine Wand zusammenstehen und gegenseitig aufeinander Acht geben.

VRR: Wenn ihr noch einen gemeinsamen Abend mit ihm hättet. Wie würdet ihr den verbringen und was würdet ihr ihm noch sagen wollen?

Costa: Sagen gar nichts, ich glaube, wir haben uns alles gesagt. Wir würden uns alle zusammen auf eine Couch setzen und das Album hören, weil er es leider nie ganz fertig gehört hat. Ich würde die Vinyl Platte auflegen, wir würden gemeinsam etwas trinken und Arm in Arm dort sitzen und einfach nur hören. Wenn sie fertig gespielt ist, wird die nächste Schachtel Zigaretten geöffnet, die nächste Flasche geöffnet und das Album noch einmal aufgelegt. Am Ende wird er zur Tür gebracht und es wird gewunken, gesagt werden muss nichts mehr.

VRR: Welche Wünsche hast du für die Zukunft?

Costa: Man soll aufpassen mit seinen Wünschen. Man sagt, wenn man sie ausspricht, werden sie nicht wahr. Ich hätte mir in meinem Leben schon viele Dinge gewünscht, die ich zwei Jahre später gar nicht mehr so wichtig fand. Uns gibt es jetzt 20 Jahre. Ein Wunsch von mir ist, dass das jetzt höchstens die Halbzeit ist. Dass es weitergeht im Bezug auf die Band und wir weitermachen, bis wir irgendwann auch tot umfallen. Außerdem: Alles Glück der Welt, für alle, die uns wohlgesonnen sind.

Eric Steinberg
Über mich: Geboren im Jahrgang 2000 bin ich mit 17 Jahren der Jüngste im Team. Für Rockmusik schlägt mein Herz schon seit dem Kindesalter. Angefangen hat damals alles mit den Toten Hosen. Obwohl als Schüler immer knapp bei Kasse, besuche auch ich das ein oder andere Konzert. Außerdem spiele ich leidenschaftlich gerne Schlagzeug. Motto: Es gibt nur ein Gas, Vollgas!

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